Heute in der Berliner Zeitung

Heute greift die Berliner Zeitung mein Thema von gestern auf und fordert "DIe Igel Plage stoppen".

Kritische Anmerkung zu IGel-Leistungen

Wer sich mit dem Gesundheitswesen beschäftigt, der merkt an allen Ecken und Enden, dass das Geld fehlt. Erst fehlt es im System und dann auf den Konten von Ärzten, Krankenhäusern, Physiotherapeuten, Pflegediensten und so weiter. Es wundert so nicht, dass findige Köpfe auch findige Lösungen finden, um dieses Problem zu lösen. Dass systematische Lösungen hier durchaus individuelle Aspekte bedienen, beweisen die sogenannten Individuellen Gesundheitsleistungen - kurz IGel genannt. Was die Krankenkasse nicht bezahlt, wird dem Patienten privat in Rechnung gestellt. Die reisemedizinische Beratung, die Messung der Knochendichte, Vitamininjektionen oder auch die Bescheinigung für den Sportverein. Gut, dass das solidarisch eingesammelte Geld für gute Medizin und nicht für Wellness-Leistungen oder andere Freizeitaktivitäten ausgegeben wird. So haben wir dann auch ein bisschen Markt in der Planwirtschaft des Gesundheitswesens.

Dagegen spricht nichts, solange die Leistung im Einklang zwischen Patient und Arzt vereinbart wurde und die Vergütung mit der amtlichen Gebührenordnung konform geht. Doch was soll man davon halten, wenn in einem Newsletter, der sich speziell an niedergelassene Ärzte wendet, empfohlen wird, die Hausapotheke eines Patienten als IGeL-Leistung kostenpflichtig zu überprüfen. Immerhin gut 20 Euro – so war zu lesen -  wären bei einem 2,3fachen Steigerungssatz der Gebührenordnung  dabei drin. Allerdings müsse die Beratung mindestens 10 Minuten dauern und auch eine schriftliche Äußerung des IGelnden Arztes würde nicht schaden. Ich stelle mir vor, wie der Patient auf die Frage nach dem Inhalt des Arzneischränkchens,  auf die Pflaster, den Mückenspray, die Aspirintabletten und die Betablocker der verstorbenen Großmutter zu sprechen kommt. Der Hausarzt empfiehlt dann, die Betablocker zu entsorgen und sich für den Sommer eine  Zange zur Entfernung von Zecken zuzulegen. Möglicherweise werden noch drei bis fünf andere Medikamente, die ihr Dasein im Schränkchen fristen, besprochen und in einer schriftlichen Stellungnahme gewürdigt. Und nach mindestens 10 Minuten ist der Beratungsprozess kostenpflichtig zum Abschluss gebracht.

Meine spontane Gefühlsäußerung zu dieser Empfehlung  kann ich am besten mit dem Wort „Fremdschämen“ beschreiben. Denn leider war es nicht der Newsletter des Satiremagazins Titanic oder einer ethisch fragwürdigen Firma. Fazit: Wenn Ärzte sich tatsächlich soweit herablassen, dann ist unser Gesundheitswesen auf dem besten Weg sich abzuschaffen.

Neues aus der Geschichte der Zukunft der Medizin

Ein guter Freund war als Hautarzt in Bottrop niedergelassen. Gerne erzählte er von seinen treuen Patienten und immer wieder kam er zu dabei zur zentralen Frage, die alle Patienten gleichermaßen bewegte und die in der Regel auch als erste gestellt wurde. Sie lautete im Angesicht von Symptomen und vermuteten Krankheiten nicht etwa: „Was ist das, was so juckt und schmerzt? Vielmehr lautete sie: „Woher kommt das, Herr Doktor?“ Nun mag sich gerade die Medizin, die sich mit Hautkrankheiten beschäftigt, schwer tun mit der Darstellung von Ursachen. Bis heute sind die Erklärungen für die Entstehung von Neurodermitis, Schuppenflechte, merkwürdigen juckenden Hautrötungen und was die Patienten sonst noch in die hautärztliche Praxis treibt, manchmal doch eher rudimentär.

Doch ist die Neugierde der Patienten mehr als verständlich und seit der Aufklärung auch nicht mehr mit dem Hinweis auf Schuld und Sühne einfach zu befriedigen. Jeder von uns hat sich eine ähnliche Frage ganz sicher in seinem Leben schon gestellt. Und so ist der Arzt nicht nur gefragt, den Zustand der Krankheit zu beenden, sondern auch die Ursache zu ergründen. Und in der Anamnese macht sich der Mediziner dann gerne auf die Suche nach unmittelbaren Ursachen und trifft so auf die Stoffe, die Allergien auslösen, Tumoren zum wachsen bringen oder das Allgemeinbefinden unerträglich machen.

Während der Arzt den einzelnen Übeltäter sucht, der genau den Patienten Müller oder Meier krank gemacht hat, gibt es eine Gruppe von Wissenschaftlern, denen es herzlich egal ist, was ein Patient für eine Krankheit hat. Es sind keine schlechten Menschen, die das Einzelschicksal nicht schert. Es die sogenannten Gesundheitswissenschaftler. Und die behaupten gerne von sich selbst, dass sie mit einem einzelnen Kranken rein gar nichts anzufangen wissen. Es wundert nicht, denn ein Gesundheitswissenschaftler glaubt erst dann, eine Krankheitsursache gefunden zu haben, wenn hunderte, wenn nicht tausende Patienten auf einmal den Beweis antreten, dass Bakterium A Krankheit B oder Chemikalie C Krankheit D ausgelöst hat. Und wenn genügend Krankheiten der Ursache zugeordnet sind, wird es nicht etwa langweilig, denn dann geht es in der Abstraktion eine Ebene höher. Und so haben sich diese Wissenschaftler gedacht, dass es Sinn machen könnte die Ursachen in einzelne Gruppen zu klassifizieren.

Es ist ein Viergestirn, das uns den Strauß der Möglichkeiten aufzeigt. Zum einen sind es die Gene, die uns nicht nur ein individuelles Leben schenken, sondern gleich auch den Tribut zollen lassen. 20 von hundert Krankheiten sollen in unserem Genom verankert sein und im Laufe des Lebens dann irgendwann zu Vorschein kommen. Eine intime Schuld, für die wir – mangels Einfluss auf unsere DNS – trotzdem nichts können.

An weiteren 20 Prozent tragen die anderen die Schuld, nämlich jene, die unsere Umwelt verschmutzen und verseuchen. Via Nahrungskette, Hautkontakt oder Inhalation werden die Schutzbarrieren unseres Körpers überlistet. Leider merken wir dies erst dann, wenn wir uns entweder nicht mehr erinnern können, was wann auf uns einwirkte. Oder aber das krank machende Agens gehört schon so selbstverständlich zu unserem Alltag, dass wir resigniert haben und sehenden Auges das Verderben akzeptieren.

Und dann kommen die 50 Prozent, die amerikanische Forscher bereits vor Jahrzehnten als den großen Brocken auf dem Weg der Ursachensuche glauben identifiziert zu haben. Unschwer als die Hälfte zu erkennen und damit eigentlich dem Traum zugänglich fünf von zehn Krankheiten auszurotten. Doch dass hier die Mathematik/Algebra nicht wirklich weiter hilft, zeigt sich bei der Betrachtung des Begriffs, der hinter dieser Mutter aller Ursachen steht. Denn auch hier sind wir es, die Schuld auf sich laden und leider können wir uns nicht so herausreden, wie es bei den Genen als Ursache recht praktisch machbar erscheint. Das magische Wort, das den Wunsch, anderen die Schuld geben zu können, entzaubert, heißt „Lifestyle“. Der Lebensstil also soll es sein, der uns via Genuss und Unachtsamkeit die Krankheit als Nebenwirkung eines stillosen Lebens beschert.

Und damit hätten wir die drei Übeltäter, an denen das Gesundheitswesen doch nun bitte endlich anfangen sollte mit höchster Effizienz zu arbeiten. Die Gentechnik, die unsere Gene doch nun seit Craig Venter sie alle identifiziert hat und die ZEIT (oder war es die FAZ?) diese ganzzseitig abdruckte, arbeitet mit Hochdruck daran. Die Umweltplakette an der Windschutzscheibe unseres Autos und die Raucher-Aquarien an unseren Flughäfen lassen leise weitere Hoffnungen aufkeimen, dass auch das Thema Umweltschutz langsam Wirkung zeigen wird. Beim morgendlichen Gang zur Waage, dem Bezahlen der Mahnungen für das nicht genutzte Fitness-Studio oder auf dem Weg zu Glasscontainer mit der immer wieder erstaunlichen Anzahl an Wein- und Prosecco-Flaschen werden wir dann mit der brutalen Realität des inneren Schweinehunds konfrontiert. Es bleibt die Gespanntheit übrig, wie es weitergehen wird.

Wer aber nun eifrig die Prozente zusammengezählt hat, der wir die letzten 10 % vermissen. Auch die sind seit Jahrzehnten beschrieben. Und jetzt wird es erst recht kompliziert und lässt an das Beispiel vom Bock, der zum Gärtner gemacht wurde, denken. Sie ahnen es sicherlich. Für 10% unserer Krankheiten ist das Gesundheitswesen selbst zuständig. Und dazu demnächst mehr in einem der spannendsten Kapitel zur Geschichte der Zukunft in der Medizin.

/

 

template joomla