ConceptArea51 - Unglaubliches aus der Zukunft der Gesundheit 001

Das Centenarian Home oder die Zukunft im Seniorenheim

1. Januar 2023: Karl Mahr wachte auch an seinem hundertsten Geburtstag pünktlich um sieben Uhr morgens auf. Sein Zuhause war seit nunmehr 10 Jahren ein sogenanntes Centenarian Home. Dabei handelte es sich um ein Seniorenheim, das sich auf hochbetagte Bewohner spezialisiert hatte. Als er sich vor Jahren nach einem Altersruhesitz umsah, kamen diese Centenarian Homes gerade in Mode. Sie warben nicht nur mit einer hervorragenden Betreuung alter Menschen, sondern versprachen vollmundig, dass man dort mit hoher Sicherheit hundert Jahre und mehr werden könnte. Die hochwertige medizinische Versorgung, eine High-Aging-Ernährung und eine Wohnumgebung, die mit unzähligen Ambient-Assisted-Living-Devices ausgestattet war, würden jedem den dreistelligen Geburtstag ermöglichen. Dies wurde jedenfalls selbstbewusst auf der Website behauptet. Das ebenfalls dort veröffentlichte Durchschnittsalter der Bewohner schien dem Konzept Recht zu geben.

Zum Frühstück ließ er sich via WallScreen – einem wandgroßen Monitor – über das Neueste aus der Nachrichtenwelt informieren:  Die NASA hatte ihr Marsprogramm einstellen müssen, nachdem private Anbieter für ein Drittel der Kosten bereits Touristen zum roten Planeten brachten. Das erste menschliche Gehirn war auf einer Festplatte gespiegelt worden und der erste geklonte Mensch feierte gemeinsam mit seinem Original den 25. Geburtstag.

Nach dem Frühstück wurde es Zeit für das V-Date mit seiner Frau Anna. Es reichte der Sprachbefehl „Guten Morgen Anna“ und auf dem Bildschirm tauchte eine Frau in einem dezent geblümten Sommerkleid auf. „Guten Morgen Karl, mein großer Schatz. Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag und ein glückliches Neues Jahr für Dich. Ich umarme dich in Gedanken und wünsche Dir von hier aus Alles Gute.“ Man merkte, wie sehr sich Karl Mahr freute, als er seine Frau sah und ihren Glückwunsch hörte. Er bedankte sich, verzichtet aber darauf, seiner Frau ebenfalls ein glückliches Neues Jahr zu wünschen. Dann berichtete er, wer sich heute bereits gemeldet hatte. „Na, wie gefalle ich Dir in meinem neuen Anzug“ wollte er noch wissen und seine Frau schien ihn auf diese Frage hin tatsächlich von oben bis unten zu mustern. „Der Anzug steht Dir sehr gut. Er erinnert mich tatsächlich an den Anzug, den Du bei unserer ersten Verabredung getragen hast. Weißt Du noch, wie schön dieser Tag war?“ Und so schwelgten beide in den Erinnerungen an frühere Zeiten, an den ersten gemeinsamen Urlaub, die Geburt der Kinder und an das kleine Häuschen, dass ihr erstes eigenes Zuhause wurde. „Hast Du heute schon Deine Medikamente genommen“, wollte Anna Mahr noch von ihrem Mann wissen „und denkst Du auch daran, Deine zwei Liter Wasser zu trinken, wie es Doktor Jörgens vorige Woche empfohlen hat?“ Karl Mahr nickte und verzichtete darauf, seiner Frau zu erklären, dass es quasi unmöglich war, die Empfehlungen der Ärzte nicht zu befolgen. Dank seines perfekt elektronisch moderierten Alltags, wurde er spätestens 60 Sekunden nach Verstreichen des für die Einnahme eines Medikaments vorgesehenen Zeitpunktes freundlich auf das Versäumnis hingewiesen werden. Man konnte sich sogar aussuchen, mit welcher Stimme man an die Einnahme der Tabletten erinnert werden wollte. Karl Mahr hatte sich für die Stimme seiner Frau entschieden. Doch auch das hatte er ihr nie erzählt. „Was meinst Du“, wollte er noch wissen, „soll ich dieses Jahr wieder an die Nordsee in Urlaub fahren?“. „Auf jeden Fall“, erwiderte Anna Mahr, „aber vergiss nicht wieder, unsere Kinder zu informieren, dass Du auf der Insel bist.“

Das Gespräch zog sich noch einige Minuten hin, dann verabschiedeten sich die Eheleute wie üblich mit einem Kuss. Der Bildschirm wurde für den Bruchteil einer Sekunde dunkel und nahm dann Farbe und Muster der umgebenden Tapete an.

Karl Mahr lehnte sich zurück und dachte an seine Frau Anna. Sie war nun seit fast zehn Jahren tot. Und es war gut, dass es diese Software gab.

ConceptArea51-In eigener Sache

Liebe Leserinnen und Leser meines Blogs,

das Jahr 2012 wird in einigen Stunden Geschichte sein. Zeit also, eine kleine Neuigkeit für das Jahr 2013 anzukündigen. Neben der ein oder anderen kritischen Betrachtung unseres Gesundheitswesens, werde ich unter der Überschrift ConceptArea51 - Unglaubliches aus der Zukunft der Gesundheit neue Zukunftsszenarien von ConceptHealth vorstellen. Beginnen werde ich mit einem Szeanrio zur unglaublichen Zukunft der Seniorenheime. Und ganz in der Tradition von ConceptHealth wird es kein Lamentieren über die seit Jahrzehnten scheinbar vollkommen überraschend verlaufende demografische Entwicklung oder die Unterfinanzierung der Pflegeversicherung geben. Stattdessen geht es um das Konzept des Centenarian Homes, das seinen Bewohnern praktisch garantiert, mindestens hundert Jahre alt zu werden. Und es geht um eine ganz unerwartete Spielart des Ambient Assisted Living.

Ich wünsche Ihnen das Beste für das Jahr 2013 und natürlich viel Freude in der Zukunft der Gesundheit!

Herzlich

Markus Müschenich

Dr. Google hat noch nie gestreikt

Der Honorarstreit ist beendet und die Verhandlungsführer von Ärzteschaft und Krankenkassen zeigen sich  zufrieden mit dem Ergebnis. Bei den Krankenkassen kann ich mir sehr gut vorstellen, wie groß die Erleichterung  ist. Es hätte teurer werden können. Und schlimmer. Nämlich dann, wenn es der Ärzteschaft gelungen wäre, die Patienten wirklich auf ihre Seite zu ziehen. Man stelle sich vor, Patienten würden gemeinsam mit den Ärzten auf die Straße gehen und zusammen für eine bessere Vergütung protestieren. Und dabei vielleicht noch solchen Krankenkassen mit der Kündigung der Mitgliedschaft zu drohen, die dafür bekannt sind, Ärzten das Leben besonders schwer zu machen. Genau das hätte passieren können, wenn sich die Ärzteschaft für ein anderes Vorgehen entschieden hätte. Statt einer „Geiselhaft-Taktik“ mit Praxisschließung, Leistungsverweigerung und unnötigen Krankenhauseinweisungen, hätte ich eine Sympathie fördernde Taktik vorgezogen. Ich hätte versucht, die Patienten auf meine Seite zu ziehen und ganz konkret gezeigt, wie ein Gesundheitswesen funktionieren würde, in dem die Ärzteschaft das Sagen hat. Wie hätten die Patienten wohl reagiert, wenn der Termin am „Nicht-Streiktag“ beim Facharzt sofort und nicht erst nach drei Wochen möglich geworden wäre. Oder wenn die die Ärzte statt ihre Praxen zu schließen, auf die Praxisgebühr verzichtet hätten. Interessant wäre auch die Variante gewesen, die teuren „individuellen Gesundheitsleistungen“ (iGeL) umsonst anzubieten. Die Transparente auf den Demonstrationszügen wären von Ärzten und Patienten gemeinsam in die Höhe gehalten worden. Und darauf gestanden hätte: Lasst die Ärzte das Ruder in der Hand nehmen, damit es eine Medizin ohne katastrophale Wartezeiten, unnötige Praxisgebühren und eingeschränkte Leistungskataloge geben kann.

Passiert ist das alles leider nicht und so halten die Krankenkassen nach wie vor das Argument der ärztlichen Gier in den Händen und die Patienten stellen sich weiter die Frage, wem sie in unserem Gesundheitswesen denn noch vertrauen können. Vielleicht Dr. Google, denn der bietet seine Leistungen ohne Gebühr und Einschränkungen an und hat bisher auch noch nie gestreikt.

Fresenius kauft Asklepios - nur ein Szenario!

„Fresenius wirft das Handtuch“. So titelt heute Welt Online und berichtet von dem "Ende der Übernahmeschlacht“ um den Krankenhauskonzern Rhön Kliniken AG. Ein Handtuch wirft der Trainer im Boxkampf genau dann, wenn sein Schützling in einem solchen Zustand ist, dass er die Entscheidung, aufzugeben, nicht mehr selber treffen kann. Dann fliegt das Handtuch über die Ringseile und der Schiedsrichter bricht den Kampf ab. Möglicherweise hat Fresenius (als Trainer mit Ambition, den Nationalen Gesundheitskonzern aufzubauen?) das Handtuch stellvertretend für Helios (Boxer ohne Chance mit weniger als 90% der Rhön-Anteile?) geworfen. Der Gegner hieß Asklepios. Denn die hatten den Plan von Fresenius, 90% der Rhönaktien zu kaufen, mit einer eigenen Kaufoffensive über 5% der Rhön-Aktionen vereitelt. Das könnte strategisch so gedeutet werden, dass Asklepios sich damit einen übermächtigen Wettbewerber, wie er aus dem Merger entstanden wäre, vom Hals halten wollte. Und es hat auch gut funktioniert. Doch warum beantragt der Asklepios-Eigner  nun beim Bundeskartellamt die Genehmigung, sein Rhön-Aktienpaket auf 10,1% aufzustocken. Da es sich bei Herrn Dr. Große–Broermann, der Asklepios vor fast 30 Jahren aus der Taufe hob,  um einen der letzten deutschen Unternehmerpersönlichkeiten mit einer beeindruckend erfolgreichen Vita handelt, könnte es mehr sein, als die Hoffnung auf die Dividendenzahlung. Der Kurs der Rhönaktie ging inzwischen ordentlich auf Talfahrt. Stellt sich die Frage, wie dieses Investment denn nun zu verstehen ist und wie es weitergeht. Ein Aufstocken des Rhön-Aktienpakets auf das erreichbare Maximum ist theoretisch denkbar, doch wird auch für Asklepios die 90%-Hürde nicht zu knacken sein.Gemeinsam mit Rhön  Synergien im Tertiärbereich heben? Denkbar, aber für einen Unternehmer aus Schrot und Korn vielleicht doch nicht spannend genug. Bleibt – neben anderen Möglichkeiten – folgende Schlagzeile für Welt-Online: Handtuch zurückgeworfen - Fresenius kauft Asklepios. Aber, wie gesagt: Dies ist nur ein Szenario!

Die Medizinisierung der Ökonomie

Die Meldung hat es dann heute auch bis zu Spiegel-Online geschafft. Die Firma Genzyme, eine Tochter des Pharmaunternehmens Sanofi, hat das Medikament MabCampath® vom Markt genommen. Ein Vorgang, der grundsätzlich nicht ungewöhnlich ist. Beispielsweise dann, wenn gefährliche Nebenwirkungen eines Medikaments erst nach der Markteinführung erkannt werden. Hier aber stellt sich der Sachverhalt ganz anders dar. Wenn man dem Newsletter der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft (AKdÄ) glauben schenkt, könnte folgendes passiert sein: Genyzme hat entdeckt, dass das Medikament MabCampath® nicht nur gegen eine besonders schlimme Form der Leukämie wirkt, sondern auch gegen Multiple Sklerose (MS). Das wird die Firma sicherlich sehr gefreut haben. Denn erstens gibt es deutlich mehr MS-Patienten als Patienten mit dieser speziellen Form der Leukämie und – zweitens – ist die Lebenstherapiedauer viel länger als bei Leukämiepatienten. Und jetzt kommen Punkt drei und vier: Die Dosierung für MS-Patienten ist deutlich niedriger als für solche Patienten mit Blutkrebs. Und, da es sich möglicherweise um ein innovatives Medikament handelt, ist – trotz niedrigerer Dosis - vielleicht auch noch ein höherer Preis mit den Krankenkassen verhandelbar. Ärgerlich nur, dass es den Wirkstoff bereits auf dem Markt gibt und der Preis  - so vermutet es wohl die AkdÄ – vergleichsweise gering ist. Und hier kommt dann die Rücknahme vom Markt ins Spiel. Fazit: Das Medikament steht – außerhalb von speziellen Programmen – nun nicht mehr für die Leukämiepatienten zur Verfügung.

Die AkdÄ schreibt: „Durch die freiwillige Marktrücknahme aus rein kommerziellen Gründen nimmt Genzyme in Kauf, dass die Behandlung leukämiekranker Patienten unnötig erschwert wird. Das vom Unternehmer angebotene Programm, über das Alemtuzumab für diese Patienten weiterhin bezogen werden kann, ist für die Betroffenen aufwendig und wirft Fragen der Haftung auf. ... Aus Sicht der AkdÄ übernimmt ein pharmazeutischer Unternehmer mit der Zulassung eines Arzneimittels auch die Verantwortung für eine dauerhaft sichere und unkomplizierte Versorgung der betroffenen Patienten mit diesem Arzneimittel. Mit der freiwilligen Marktrücknahme und dem geplanten "Indikations-Hopping" entzieht sich der pharmazeutische Unternehmer seiner Verantwortung auf inakzeptable Weise. Um ein solches Vorgehen eines pharmazeutischen Unternehmers zukünftig zu verhindern, müssen die gesetzlichen Rahmenbedingungen entsprechend angepasst werden."

Wenn die Schlussfolgerung der AkdÄ stimmt und Genzyme bzw. Aventis ein wirksames Krebsmedikament nur deshalb vom Onkologie-Markt nehmen, weil es auf dem Markt der Multiplen Sklerose mehr Geld zu verdienen gibt, ist dies eine neue Dimension dessen, was landläufig gerne als fortschreitende Ökonomisierung der Medizin bezeichnet wird. Wie vergleichsweise harmlos geht es dann auf dem problematischen Markt der IGeL- Angebote zu. Es werden aber auch Vergleiche angestellt mit den angeblich unnötigen Operationen, die die Ökonomie eines Krankenhauses verbessern helfen sollen. Oder mit dem Organspende-Skandal und seiner Handschrift, die da zu lauten scheint: Dem einen verweigere ich es, dem anderen gebe ich es und bekomme „unter dem Strich“ persönlich mehr dafür.

Jeder mag hier selbst urteilen, welchem Vergleich er sich anschließt.

Der  Newsletter jedenfalls schließt dann auch mit einem deutlichen Ruf an den Gesetzgeber, einem solchen Vorgehen Einhalt zu gebieten.

Ich bezweifle, dass hier Gesetze helfen. Was hier aber helfen könnte, ist die Anwendung der reinen Ökonomie selbst. Mindestens ein Arzt wird ab sofort auf die Verschreibung von Medikamente der besagten Firma verzichten. Sollten die restlichen 300.000 Ärzte ähnlich denken, wäre das Resultat ein starkes ökonomisches Signal, das möglicherweise nicht verhallen würde. Mit dem mutigen Newsletter der AkdÄ wurde der Anfang gemacht. Doch die AkdÄ ist als wissenschaftlicher Fachausschuss der Bundesärztekammer lediglich ein Strukturelement der verfassten Ärzteschaft.

Bleibt also die Frage, wie sich jeder einzelne Arzt hier positioniert. Wenn nichts passiert, ist der Dammbruch unumkehrbar vollzogen, gewissermaßen sogar authorisiert. Das wäre nicht nur katastrophal für die Patienten, sondern auch eine vertane Chance für die Ärzte, sich in ihrer ursprünglichen Identität zu positionieren: Als Berufene, auch wenn es jenseits des einzelnen Patienten darum geht, eine bestmögliche Gesundheitsversorgung für alle notfalls auch zu erstreiten. Die schlimmen Folgen einer Ökonomisierung der Medizin an den Pranger zu stellen, ist ethisch geboten. Doch muss dies einhergehen mit der Übernahme für die Verantwortung für alternative Wege. Jetzt ist die Chance da, eine Anfang zu machen und den Weg einer „Medizinisierung der Ökonomie“ zu beginnen.

 

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