Dr. Ed bricht das nächste Tabu im Gesundheitswesen

Der nächste Tabubruch droht dem Gesundheitswesen. Wie der Spiegel in seiner Printausgabe  und der Kurier aus Österreich auch online schreiben, startet ein deutscher Arzt von England aus eine virtuelle Arztpraxis. Per Internet können sich hier Patienten auch aus Deutschland und demnächst Österreich unter der Domain Dr Ed.com medizinischen Rat holen. Dabei soll es vor allem um Themen gehen, die  den Patienten vermeintlich peinlich sind. Also um Erektionsstörungen, Geschlechtskrankheiten und Haarausfall. Neben der Männergesundheit können sich  Frauen in Sachen Blasenentzündung und Pille an Dr. Ed wenden. Ein  standardisierter Fragebogen soll eine sichere Diagnose möglich machen und erleichtert die Dokumentation in der Online-Patientenakte. In diese können dann auch Fotos hochgeladen werden, die zur Diagnosefindung genutzt werden. Besteht der Verdacht auf eine Geschlechtskrankheit versendet Dr. Ed neutral verpackte Test-Kits an die Patienten. Die notwendigen rezeptpflichtigen Medikamente kommen via Versandapotheke. Kosten zwischen 9€ und 29€ entstehen bei Dr. Ed – so ist auf der website zu lesen – nur, wenn eine Behandlung durchgeführt wird. Die Diagnosestellung ist kostenlos. Um die Art der Telemedizin möglichst sicher zu machen, werden minderjährige Patienten sowie Patienten mit akuten Erkrankungen abgelehnt. Das Team von Dr. Ed ist rund um die Uhr erreichbar, beruft sich auf die Erfahrung von mehr als 200.000 telemedizinischen Konsultationen und ist als Online-Praxis durch die britische Care Quality Commission zugelassen.

Die Kollegen in Deutschland und Österreich laufen erwartungsgemäß Sturm und starten schon einmal eine kleinere Beschimpfungskampagne. Diese Art der Medizin sei "fahrlässig", "gefährlich" oder "katastrophal", ist zu lesen. Man könnte nun diskutieren, ab wann gute Medizin anfängt. Und sicher würde man sich schnell darauf einigen, dass ein gut ausgebildeter Mediziner, genügend Zeit für den Patienten mit seinen Beschwerden und Sorgen und natürlich eine ausreichende Kenntnis von Vorbefunden gute Medizin ausmachen. Dumm nur, dass gut ausgebildete Mediziner fehlen, die Zeit für den Patienten in der Kassenarztpraxis auf wenige Minuten begrenzt ist und Vorbefunde Dank der getrennten Sektoren regelmäßig nicht zur Verfügung stehen. Gute Medizin sieht also anders aus. Und so sitzen die Kritiker eigentlich in einem Glashaus. Warum sie trotzdem mit Steinen werfen? Vielleicht ärgern sie sich einfach nur, weil sich da wieder einmal wieder jemand die Rosinen aus dem Gesundheitskuchen gepickt hat. Also die Behandlung solcher Patienten, die Dank einfacher Diagnoseprozeduren besonders gewinnbringend sind. Vielleicht ist auch ein wenig Neid dabei, denn Dr. Ed hat nur Privatpatienten - also der Traum vieler Ärzte. Möglicherweise aber ärgern sie sich auch nur, weil sie nicht selbst auf die Idee gekommen sind. Denn täglich rechnen  unsere Kollegen in der Praxis eine Gebühr für die Beratung von Patienten ab. Und eben diese Beratung darf – ohne dass es weniger Geld gibt – auch telefonisch erfolgen. Der Schritt zu Internetsprechstunde ist also nur ein kleiner über den man sich sicher trefflich ärgern kann, wenn man ihn nicht als erster gegangen ist. Und außerdem zugeben muss, dass die Basis der Beratung mit eigener online Patientenakte, standardisiertem Fragebogen und hochgeladenen Diagnose-Fotos möglicherweise besser ist, als die telefonische Beratung zwischendurch.

Die Zukunft war diesmal zuerst in England, doch die Auslieferung an Deutschland hat schon begonnen.

Der Patient ist Patient und leider immer noch kein Kunde

Wer sich immer noch die Frage stellt, ob ein Patient nun Patient oder Kunde ist, kann jetzt die Antwort in einer Umfrage der Mannheimer Forschungsgruppe Wahlen finden. Dort steht es schwarz auf weiß: Patienten in Deutschland warten erst wochenlang auf einen Arzttermin, um dann noch mal lange im Wartezimmer sitzen zu müssen.

Damit ist klar: Der Patient ist sicher kein Kunde. Wäre er ein Kunde, würde man so nicht mit ihm umgehen.

Man stelle sich so etwas Profanes wie den Kauf eines Anzuges in einem gut sortierten Herrenausstatter vor. Was den Umsatz angeht, ist der Kunde hier zumindest grundsätzlich vergleichbar mit den Privat- und Kassenpatienten. Der eine kauft den edlen Zwirn von Zegna, der andere sorgt für den im Einzelfall deutlich geringeren Umsatz mit der Hausmarke. Nur dürfte das Geschäft sicher schon lange pleite sein, wenn dort die Öffnungszeiten denen einer Arztpraxis entsprechen würden und die Kunden so lange warten müssten, wie es im durchschnittlichen Wartezimmer üblich ist. Niemand wird der Behauptung widersprechen, dass nach einer Stunde Wartezeit in der Abteilung für Herren-Oberbekleidung der überwiegende Anteil potenzieller Anzugkäufer sich auf den Weg zur Konkurrenz gemacht hat. Wenn man sich nun auch noch verständigen könnte, dass der Leidensdruck bei der Auswahl eines Anzugs deutlich geringer ist als im Angesicht einer problematischen Erkrankung, könnte man auch sagen: Der Patient ist Patient und leider kein Kunde.

Warum aber verweigert die Ärzteschaft dem Patienten den Kundenstatus dort, wo er ihm auch moralisch zusteht? Denn gerade in der Argumentation warum der Patient eben kein Kunde ist, wird immer wieder auf die Ausnahmesituation eines Patienten hingewiesen. Auf die Sorgen und Ängste, die praktisch jeden Arztbesuch begleiten und eben nicht vergleichbar sind mit den positiven Emotionen beim Kauf eines Konsumguts.

Es kommt der Verdacht auf, dass der Patient deshalb kein Kunde sein soll, weil man einen Kunden eben nicht so schlecht behandeln kann, wie einen Patienten.

Die Vehemenz, mit der darauf hingewiesen wird, dass der Patient  auf keinen Fall zum Kunden werden darf, wird verkauft als Sorge um die Ökonomisierung des Gesundheitswesens. Der Patient könne im Übrigen seine Entscheidung nicht so treffen, wie sie der informierte Kunde täglich trifft. 

In Wirklichkeit zeugt diese Argumentation eher von der Angst der Ärzteschaft, dass sich der Patient zum Kunden entwickelt. Also zu einem Gegenüber, der eine verbindliche Gegenleistung für seine Krankenkassenbeiträge einfordert. Eine Gegenleistung, die nicht nur die Ergebnisqualität am Ende eines Behandlungsprozesses betrifft, sondern auch den Umgang mit dem Patienten auf dem Weg dorthin.

Doch anstatt den Patienten auch als Kunden ernst zu nehmen, werden die Signale ignoriert, die deutlich zeigen, dass sich der Patient schon längst auf den Weg gemacht, Kunde zu werden: Vor einem Arztbesuch wird Dr. Google befragt und danach der Doktor im Internet bewertet. „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser“, lautet nun auch die Devise im Gesundheitswesen. Was könnte das Verhalten eines Kunden besser charakterisieren?!

So haben diejenigen den Patienten erst zum Kunden gemacht, die sich geweigert haben,  ihn auch als Kunden ernst zu nehmen.

DR. GOOGLE

Man fragt sich, welche Signale die Ärzteschaft noch braucht, um sich der Tatsache bewusst zu werden, dass sich ihr Geschäftsmodell auf dem Weg der weitgehenden Substitution durch eine neue Spezies an medizinischen Experten befindet. Wir können in der „WELT“ nachlesen, dass die Patienten immer häufiger erst Google und dann ihren Arzt befragen. Und während bei Google die Frage noch per Tastatur eingegeben werden muss, ist Apple mit seinem neuen iPhone schon in der Welt der alltagstauglichen Spracherkennung angekommen. Wer nun abwinkt und auf die fragliche Qualität der medizinischen  Informationen aus dem Internet hinweist, wird auch hier nur noch für kurze Zeit Recht behalten. Denn längst gibt es qualitätsgesicherte Angebote, die zumindest den Patienten darauf hinweisen, dass die letzte Sicherheit nur der Besuch beim Arzt bringen kann. Doch auch dies wird man nicht mehr lange behaupten können. IBM programmiert zur Zeit seinen Supercomputer „Watson“ zu einem medizinischen Expertensystem, das nicht nur das Wissen von tausenden von Ärzten vereint, sondern auch die Sprache des noch so einfach gestrickten Patienten verstehen wird. Wir werden unserem Gesundheitssystem wohl einen weiteren Sektor hinzufügen müssen. Einen Sektor, in dem die neuen Player der Gesundheitswirtschaft ihr Geld verdienen. Und diese heißen dann eben Google, IBM oder Apple. Unsere Gesundheitspolitiker werden nichts dagegen haben, denn die Gesetzeslogik spricht durchaus dafür. Im Sozialgesetzbuch steht schließlich, dass die Versorgung nur ausreichend, dafür aber wirtschaftlich sein muss. Bisher hieß das, dass Patienten nur im Krankenhaus behandelt werden dürfen, wenn sie so krank sind, dass sie schon fast auf die Intensivstation gehören. Operationen sollen möglichst ambulant vorgenommen werden und bevor der teure Facharzt konsultiert wird, ist der preiswertere Hausarzt aufzusuchen. Noch günstiger ist Dr. Google und der Preis für Dr. Watson ist sicher noch verhandelbar. Und wer das wirtschaftliche Argument für zu unappetitlich oder gar im Kampf um die Wählerstimmen für kontraproduktiv hält, der verweist auf den Ärztemangel. Denn besser Dr. Watson als gar kein Arzt.

Doch wir können die Entwicklung auch als große Chance sehen: Die Ärzteschaft hat die Möglichkeit, sich neu mit dem Begriff der primären ärztlichen Kompetenz auseinander zu setzen. Einer Kompetenz, die nicht in Bits und Bytes abbildbar ist und die viel mit Vertrauen und Menschlichkeit zu tun haben wird. 

Die Gesundheitspolitiker haben die Chance, sich endlich vom Gesundheitswesen des  Herrn Bismarck zu verabschieden und ein Gesundheitssystem zu schaffen, das seinen Namen verdient hat. Ein System, in dem der vernetzte Informationsfluss endlich die Leben retten kann, die im Gesundheitswesen heute noch verloren sind. Und der Patient steht nicht mehr vor der verschlossenen Tür einer Arztpraxis, die Ihr Budget bereits ausgeschöpft hat und deshalb Betriebsferien macht. Denn Dr. Google freut sich auf seine Patienten an 365 Tagen im Jahr – und zwar Tag und Nacht.

Siehe dazu auch einen Artikel auf Focus online.

Endlich - die elektronische Gesundheitskarte kommt

Fast zehn Jahre und wohl einige hundert Millionen Euro später ist es nun soweit - die elektronische Gesundheitskarte (eGK) wird ausgeliefert. Gestartet wurde die eGK am 3. Mai 2002 mit dem Anspruch, die Gesundheitsversorgung für den Patienten zu verbessern. Das elektronische Rezept, das die Verschreibung von tödlichen Medikamentenkombinationen verhindern sollte, war nur eine der historischen Visionen. Doch anstatt Leben wirklich zu retten, streiten sich Ärzte und Krankenkassen über solche Dinge, wie den Online- Abgleich von Stammdaten. Die Aktualisierung der neuen Adresse nach einem Umzug in eine neue Wohnung scheint eine höhere Priorität zu besitzen, als den Umzug auf den Friedhof zu verhindern. Und wem schließlich die Argumente ausgehen, um den Zugang der Ärzte zu lebensrettenden Informationen via eGK zu verhindern, der verbreitet kurzerhand die Überzeugung, dass Arbeitgeber die Karten hacken lassen werden, um sich über die Krankheiten der Mitarbeiter zu informieren. Wieder einmal zeigt sich, dass das Wohl des Patienten im Gesundheitswesen sicher nicht an erster Stelle steht. Beindruckend ist dabei die unfassbare Arroganz von Ärztevertretern, Kassenfunktionären und Gesundheitspolitkern. Denn diese halten scheinbar nicht nur die Patienten für einfältig und unendlich leidensbereit. Sie glauben darüber hinaus wohl auch, dass die Blockadehaltung zur eGK folgenlos bleibt. Die eGK hat ihre Chance gehabt. Sollte sie nicht schnell einen wirklichen Nutzen für den Patienten liefern, werden das andere tun. Die Player auf dem milliardenschweren Markt der Information stehen in den Startlöchern - und sind schon einen gewaltigen Schritt voraus. Denn die Daseinsberechtigung von Google, Facebook oder Apple basiert nicht darauf, dass das Bundesgesundheitsministerium diese Unternehmen gezwungen hat, Browser, Software und Apps zu entwickeln. Diese Unternehmen existieren, weil sie die Bedürfnisse der Nutzer erkannt, geweckt und befriedigt haben. Und das werden sie auch in Sachen Gesundheitsinformation erfolgreich tun: Medizinische Expertensysteme via Google, Elektronische Krankenakten in der Cloud von Apple und beim Doktor direkt auf dem iPad! Den lebensrettenden Medikamentencheck gibt es dann über den Facebook-Account. Wenn diese Unternehmen das wollen, werden sie es realisieren. Schneller, besser und sehr einfach für den Patienten. Und wer nun die moralische Frage im Kontext globaler Konzerne stellt, hat möglicherweise auf der einen Seite Recht. Doch muss er sich auf der anderen Seite auch die Frage stellen lassen, wer in der Zeit, die schon verschwendet wurde, mehr lebensrettende Informationen geliefert hat: die eGK oder Google?

Was wir von Facebook lernen sollten - und was passiert, wenn wir es nicht tun

Facebook will Lebensarchiv werden, so war es auf SPIEGEL ONLINE  zu lesen. Gemeint ist die Timeline-Funktion, die zum Relaunch von Facebook gehört und den Nutzer animieren soll, sein ganzes Leben aufgereiht wie eine Perlenschnur online zu präsentieren. Von der Wiege bis zur Bahre - einschließlich der genauen Route der Hochzeitsreise und einem Button für Todesfälle. Alles für die Facebook-Freunde bereit gestellt. Zuckerberg hat es vorgemacht und beginnt seine Timeline mit einem Babyfoto. Gleichzeitig berichtet der führende amerikanische Blog für Entwicklungen in Sachen Web 2.0 über den geplanten „Read-Button“. Besucht ein Facebook Nutzer eine Website oder benutzt ein App, dann kann er dort den Read-Button anklicken. Mit der Folge, wann immer er diese Website erneut besucht oder das App nutzt, erfahren sofort und in Echtzeit alle seine Facebook-Freunde, was er gerade im Netz anstellt. Alles das hört sich im Kontext von Facebook kaum noch erträglich an, denn hier wird der ohnehin nur spärlich vorhandene Rest von Privatsphäre nun vollends öffentlich gemacht. Stellt man sich allerdings für einen Moment das Facebook-Lebensarchiv als Lebenskrankenakte vor, in der alle relevanten Gesundheitsinformationen vorhanden sind, und den Read-Button als perfekte Push-Applikation mit der alle neuen medizinischen Informationen noch während des Arztbesuchs heruntergeladen werden, dann kommen einem zwei Gedanken: Schade, dass das Gesundheitswesen nicht bereit ist aus der Welt des Web 2.0 zu lernen. Und zweitens: Wann wird Facebook ins Gesundheitswesen einsteigen? Neben der maßgeschneiderten Werbung könnte Facebook dann auch klinische Studien anbieten. Bei 800 Millionen Nutzern findet sich sicherlich eine statistisch einwandfreie Versuchspopulation.

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