Die eGK und das Kleingeld für die Telefonzelle

Interessante Zahlen kommen aus den USA. Das Marktforschungsunternehmen BCC Research hat eine Studie veröffentlicht, die die globalen Ausgaben für Telemedizin für die nächsten Jahre darstellt. Laut BCC wuchs der Telemedizinmarkt von 9,8 Mrd. Dollar im Jahr 2010 auf 11,6 Mrd. Dollar im Jahr 2011und wird bei einer durchschnittlichen jährlichen Wachstumsrate von 18,6% im Jahr 2016 bei 27,3 Mrd. Dollar liegen. Der Löwenanteil von17,6 Mrd. Dollar wird von Krankenhäusern für die Aufrüstung ihrer Interhospital-Kommunikation ausgegeben werden, während das Telehome-Segment mit 9,7 Mrd. Dollar zu Buche schlägt. Mindestens so interessant sind die Zahlen für die Nutzung von Smartphone Apps. Für dieses Jahr werden 44 Millionen Downloads erwartet, die sich bis zum Jahr 2016 auf 142 Millionen Downloads steigern sollen. Und der Umsatz mit Mobile-Health hat sich vom 2010 auf 2011 von 100 Millionen Dollar auf 718 Millionen Dollar mehr als versiebenfacht.

Fazit: Die ganze Welt glaubt an die Telemedizin und traut der Technologie eine wirkliche Qualitätsverbesserung und Kostensenkung in der Gesundheitsversorgung zu. Die stärkste Wachstumsdynamik liegt dabei im Bereich Mobile-Health und den App-basierten Dienstleistungen.

So stellt sich wieder einmal die Frage, warum sich Deutschland mehr und mehr abhängt von den Entwicklungen moderner Gesundheitskommunikation. In wenigen Jahren werden unsere Smartphones alles überflüssig machen, was heute noch als Plastikkarte unsere Brieftaschen füllt. Und wenn wir endlich alle ec-,Kredit- und Kundenkarten entsorgt haben, kommt– wie Kai aus der Kiste- die eGK mit den Funktionen, von denen wir am Anfang des Jahrhunderts geträumt haben. Gut, dass wir dann Platz in der Brieftasche haben. Schlecht, dass wir die eGK dann genauso dringend brauchen, wie ein Telefon mit Wählscheibe. Aber wahrscheinlich glauben bereits heute nur noch die an die eGK, die zuhause noch ein Telefon mit Wählscheibe haben und immer Kleingeld für die Telefonzelle mitnehmen.

Dr. Watson erstmals im Echtbetrieb eines Krankenhauses

Es wird immer spannender im Wettbewerb des Wissens zwischen Arzt und Maschine. Wie die Los Angeles Times berichtet, wird der IBM-Supercomputer Watson jetzt erstmals im Echtbetrieb eines Krankenhauses eingesetzt. So bekommt die Cedars-Sinai's Cancer Clinic in Los Angeles, die Möglichkeit, das Superhirn zu nutzen. Geplant ist es, die individuellen Informationen in der Krankengeschichte eines einzelnen Patienten mit der gesammelten medizinischen Literatur abzugleichen, um eine optimale Therapie sicherzustellen. Wie mächtig dieses neue IT-Werkzeug ist, zeigt die Rechenleistung, die die des menschliche Gehirns so weit übersteigt, dass innerhalb von drei Sekunden die Informationen von 200 Millionen Seiten Fachliteratur gesichtet und auf Relevanz für einen einzelnen Patienten überprüft werden können.

Watson ist allerdings wesentlich mehr, als eine Suchmaschine für medizinische Informationen. Dank Sprachsteuerung und künstlicher Intelligenz hat er die Potenz, bereits in die Anamneseerhebung in Echtzeit eingebunden zu werden. Seine Alltagstauglichkeit bewies Watson, als er Anfang 2011 in der amerikanischen Wissens-Show Jeopardy mit deutlichem Vorsprung gegenüber seinen menschlichen Konkurrenten gewann.

Fazit: Während in Amerika das Zeitalter der Expertensysteme zum Wohle schwerkranker Patienten eingeläutet wird, befindet sich Deutschland mit seinem – behauptet – besten Gesundheitssystem der Welt weiterhin auf dem Niveau einer Kladde. Denn selbst, wenn IBM seinen Supercomputer verschenken würde, zum Einsatz könnte er bei uns gar nicht gelangen. Denn eine vernünftige elektronische Patientenakte  - als Voraussetzung für die Integration von Patienteninformation auf der einen und Expertenwissen auf der anderen Seite - sucht man in Deutschland immer noch vergebens.

Wer das Blog nicht vollständig verfolgt hat, der sei auch auf den Beitrag vom 20.10.2012 „Dr. Google“ hingewiesen. Denn es geht hier nicht um Bits und Bytes, es geht vielmehr um die Frage, wann und wie das Gesundheitswesen endlich im Informationszeitalter ankommen wird. Und welche Mitspieler im großen Milliardenspiel dazu kommen und welche degradiert oder ganz vom Platz geschickt werden.

Telemedizin powered by Bauer

Während in Deutschland dem Mangel an qualifizierter Medizin auf dem Land mit beinahe maximaler Einfallslosigkeit - sprich fraglich wirksamen Vergütungsanreizen für niedergelassene Ärzte - begegnet wird, beeindruckt mich die USA. Hier fördert das Landwirtschaftsministerium mit mehr als 30 Millionen Dollar Projekte, die die medizinische Versorgung in ländlichen Gebieten verbessern helfen. Im Vordergrund steht dabei die Telemedizin. Über Videokonferenzsysteme sollen die Notfallaufnahmen der Krankenhäuser auf der einen Seite mit Schulen, Pflegeheimen und sogar Stützpunkten der Feuerwehr auf der andern Seite verbunden werden. Dabei geht es nicht nur darum, Leben zu retten, sondern auch die Attraktivität der ländlichen Regionen für Arbeitnehmer und deren Familien zu erhöhen. Ein Beispiel integrierter Gesundheitspolitik, von dem sich unsere Politiker eine Scheibe abschneiden könnten.

Mythos Solidarsystem - Wer arm ist, der stirbt früher

Wer arm ist, stirbt früher. Die Deutsche Rentenversicherung belegt es nun schwarz auf weiß: Die Lebenserwartung der sogenannten Geringverdiener ist-entgegen dem allgemeinen Trend-in den letzten zehn Jahren gesunken. In den alten Bundesländern um 2 Jahre und in den Neuen Ländern um fast 4 Jahre. In Anbetracht der Tatsache, dass die Lebenserwartung in Deutschland über alle Bevölkerungsgruppen hinweg täglich um 6 Stunden (!) steigt, ist dies eine wirklich dramatische Information über ein Land, das sich rühmt, das beste Gesundheitswesen der Welt zu haben


Die Frage ist nun, was peinlicher ist: Die Tatsache, dass erst eine Anfrage der Linksfraktion im Bundestag dies in die Öffentlich bringt oder die Versuche eines Sprechers des Bundesarbeitsministeriums zur Schadensbegrenzung:  "Es gibt keinerlei belastbare Anzeichen dafür, dass der grundsätzliche Trend zu einer höheren Lebenserwartung quer durch alle Einkommensgruppen gebrochen wäre." Die genannten Zahlen seien "weder repräsentativ noch aussagekräftig, um belastbare Aussagen über die Lebenserwartung von Niedrigverdienern zu treffen". Die Daten deckten sich außerdem nicht mit den Daten des Statistischen Bundesamtes über eine steigende Lebenserwartung der Bevölkerung über alle Bevölkerungs- und Einkommensgruppen hinweg.


Fakt ist, dass bereits im Deutschen Armutsbericht 2008 folgendes zu lesen ist: „Zwischen Lebenserwartung und sozialem Status existiert insoweit ein statistischer Zusammenhang, als eine höhere Wahrscheinlichkeit eines früheren Todes (Mortalitätsrisiko) bei Gruppen mit relativ niedrigem Einkommen aufgrund des dort verstärkten Auftretens von Krankheiten und Risikofaktoren besteht."

Was aber hat die Politik mit dem Armutsbericht gemacht, den sie selbst in Auftrag gegeben hat? Sicher  zu wenig!  Statt zu handeln, und eine vernünftige Präventionsgesetzgebung auf den Weg zu bringen, wird per Endlosschleife auf den Autosuggestionsmodus geschaltet und wir hören gebetsmühlenartig, dass unser Gesundheitssystem das beste der Welt sei. Es hört sich dabei exakt so an, als ob einer der großen Automobilhersteller seine Motoren als die besten Verbrennungsmotoren der Welt anpreist. Dumm nur, dass doch eigentlich allen eines klar ist: Die Zukunft gehört dem Elektromotor. Und damit ist auch der weltbeste Verbrennungsmotor die falsche Antwort auf die Frage nach der Zukunftsfähigkeit. Noch dümmer, dass sich intelligente Strategen gar nicht  mehr mit Motoren abgeben. Die im Wettbewerb Erfolgreichen beantworten stattdessen ganz konkret die Frage, wie die Mobilität des Einzelnen  in der Zukunft sichergestellt werden kann.

Und so zeigt sich, dass selbst die profitorientierte Automobilindustrie menschenfreundlicher agiert als unser Gesundheitswesen.


Das Fazit lautet: Die Zukunft der Gesundheit interessiert nicht. Stattdessen vertraut die Politik Ihre Bürger einem Mythos an – dem Mythos eines Gesundheitssystems, das seinen Namen nicht einmal ansatzweise verdient hat.  Denn ein System, in dem eine abgestimmte, verbindliche und transparente Versorgung stattfindet, existiert nicht und kann unter den Rahmenbedingungen der Gesundheitspolitik auch nicht existent werden. Mythen sind eben selten alltagstauglich. Doch geht es bei der Gesundheitsversorgung nicht um eine Welt der Sagen und Legenden aus Mittelerde. Es geht um Bürger und Patienten, die die Hilfe eines modernen Gesundheitssystems dringend benötigen und im Selbstverständnis eines funktionierenden Solidarsystems auch erwarten dürfen.

Es sei denn, auch das System der Solidarität ist eigentlich nur ein Mythos.

Medizin passiert im Supermarkt - supermarket-based-medicin

Es mag acht Jahre her sein, als wir von ConceptHospital ein Szenario veröffentlichten, in dem wir beschrieben, wie in Zukunft medizinische Leistungen auch im Angebot von Aldi zu finden wären: Der Kunde kauft seine Lebensmittel ein und anstatt vor oder nach dem Einkauf stundenlang im Wartezimmer seines Arztes zu sitzen, wird das Angebot des Supermarktes genutzt auch die entzündete Bindehaut oder der Halsschmerz begutachten und behandeln zu lassen. Das ganze passiert in sparsam eingerichteten Sprechzimmern, die irgendwo auf der Supermarktfläche eingerichtet werden und in denen Ärzte und Therapeuten ihren Dienst tun. Wir wurden für diese Idee belächelt und beschimpft. Die freie Ärzteschaft nannte es eine „Orwellsche Schreckensvision“. Wertgeschätzt wurde die Vision von denen, die wussten, dass die Amerikaner bereits begonnen hatten, in ihren Supermärkten und Einkaufsmalls auch Medizin zu machen.  

Nun gibt es die ersten Ergebnisse einer Untersuchung zur Inanspruchnahme der amerikanischen „retail-based health clinics“. Analysiert wurden die Daten von 13 Millionen Patienten. Heraus kam, dass das Modell bei den Patienten eine hohe Akzeptanz erreicht hat. So verzehnfachte sich die Anzahl der Patienten zwischen 2007 und 2009. Und nicht etwa die sozial schwächer gestellten nutzten die Gelegenheit, Shopping und Medizin zu kombinieren. Die höchsten Steigerungsraten verzeichnete die Gruppe der gesunden Erwachsenen mit hohem Einkommen.

Wir sind weiterhin überzeugt, dass gute Medizin im Alltag der Menschen aufgehoben sein sollte. Bei uns passiert das Gegenteil. Die Medizin stört die Abläufe in unserem Alltag und zwingt uns Wege auf, die wir nur gehen, weil es keine Alternative gibt. Warum also nicht die Alternativen anbieten - der Patient wird es uns bestimmt danken.

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