Der Nokia-Modus und die Deutsche Ärzteschaft

Deutsche Ärzteschaft im Nokia-Modus

Im Jahr 2006 wurde der damalige Nokia-Aufsichtsratsvorsitzende Jorma Ollila auf die Aktivitäten von Apple angesprochen, die sich augenscheinlich auf den Weg gemacht hatten, ein Telefon zu entwickeln. Der lapidare Kommentar von Herrn Ollila lautete in etwa: „Wenn Apple kommt – schön. Aber vergessen Sie nicht: Bislang waren sie nicht in der Mobilfunkbranche tätig, einer Branche, die viel Know-how verlangt.“ Was danach passierte ist bekannt: Der Aufstieg von Apple und der freie Fall von Nokia´s Mobilfunksparte.

Immer dann, wenn ich mich mit den Abwehrmechanismen der deutschen  Ärzteschaft in Sachen Telemedizin, eHealth oder – was immer häufiger zu hören ist – der Intermetmedizin beschäftige, fällt mir dieses Paradebeispiel zerstörerischer Ignoranz ein. Mit seinem Flaggschiff, dem Nokia-Communicator war das finnische Unternehmen vom Hersteller von Gummistiefeln zum Vordenker in der Mobilfunkbranche geworden. Nichts ging an Nokia vorbei, wenn man sehen wollte, wie man hervorragende Mobiltelefone bauen und verkaufen konnte. Nokia war der Benchmark und schien unangreifbar. Und dann ignorierten die Topmanager zwei wichtige Dinge. Ihre Kunden und Ihre Wettbewerber.

Bei aller Vorsicht mit branchenfremden Vergleichen, fällt auf, dass es in unserem Gesundheitswesen auch jemanden gab, an dem niemand vorbeikam. Die Ärzteschaft. Einst wurde das deutsche Gesundheitswesen so konstruiert, dass es hauptsächlich ärztlich getragen werden sollte. Die Ärzte sollten die Indikationen stellen und praktisch alle Kranken exklusiv behandeln. Und die Krankenkassen mussten bezahlen. Ging es in diesem Gesundheitswesen um relevante Entscheidungen, kamen weder die Krankenkassen noch die Patienten wirklich zu Wort.

Wann auch immer dieses Konstrukt auch aufhörte zu existieren, dieser Umstand scheint noch nicht überall in unserer ärztlichen Selbstverwaltung angekommen zu sein. Denn heute bestimmen die Krankenkassen häufig genug, wo und wie Medizin passiert und die Patienten begeben sich scharenweise auf den Weg der Selbstbestimmung und treffen Entscheidungen rund um ihre Gesundheit ohne vorher einen Arzt, der ihnen physisch gegenüber sitzt, gefragt zu haben. Patienten googlen nach Informationen zu Gesundheit und Krankheit, nutzen Diagnosewerkzeuge und scheren sich nicht darum, dass es in der ärztlichen Berufsordnung einen Paragrafen gibt, der gerne als Fernbehandlungsverbot gedeutet wird. Und während die Ärzteschaft die Möglichkeiten, mit Ihren Patienten über innovative Werkzeuge der Information und Kommunikation in einen neuen Dialog einzutreten, weitgehend ignoriert, nutzen die Krankenkassen eben diese Möglichkeiten, um ihre Versicherten zu erreichen. Und so lösen sie deren Probleme rund um die Wartezeiten für Facharzttermine, bei den Fragen im Umgang mit möglichen Behandlungsfehlern und bei der Suche von vermeintlich geeigneten Ärzten und Krankenhäusern. Demnächst werden sie auch zuständig sein für die Qualitätssicherung der ärztlichen Indikationsstellung.

Damit nicht genug, die Krankenkassen unterstützen ihre Versicherten sogar beim dem Eintritt in die Welt der Internetmedizin. Noch geschieht dies zaghaft über Angebote zur Gesundheitserziehung oder bei Hilfestellungen rund um Psychologie und Psychosomatik. Doch das ist erst der Anfang. So bekennen sich die Krankenkassen zu Innovationen, die längst nicht mehr nur etwas mit den neuesten Moleküle aus den Garküchen und Bioreaktoren der Pharmaindustrie zu tun haben. Die Krankenkassen scheinen zum Treiber von der Medizin aus dem World Wide Web werden zu wollen.

Das alles erinnert an die Strategie von Apple: Kompromisslose Orientierung an dem, was der Nutzer will und Anwendung von dem, was die IT-Labs an innovativen Technologien liefern. Und es erinnert an Nokia: weder eine Strategie für die neuen Bedürfnisse der Kunden noch für die Entwicklung und den Einsatz innovativer Technologien zu haben.

So wächst meine Überzeugung, dass sich die entscheidenden Teile unserer ärztlichen Selbstverwaltung im Nokia-Modus befinden während unsere Krankenkassen bei der Apple-Strategie die Copy&Paste Funktion nutzen.

 

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