Internet vor ambulant vor stationär

Die potenziellen Koalitionspartner wollen sich scheinbar in der Kunst der kreativen Zerstörung üben. So zumindest dringt es aus den Gesprächsrunden in Sachen zukünftiger Gesundheitspolitik hervor, wenn gefordert wird, jedem Patienten nach höchstens vier Wochen einen Facharzt-Termin zu garantieren. Vier Wochen, also gewissermaßen ein Zwölftel eines Jahres. Ist das nicht eigentlich peinlich? Was muten wir unseren Patienten in unserem Gesundheitswesen eigentlich zu ohne uns zu schämen. Wenn mir ein Handwerker für ein - im Vergleich zu meiner Gesundheit immer vergleichsweise banales Problem - anbieten würde, dass ich in vier Wochen zu ihm kommen dürfte (nicht etwa er zu mir), ich würde mir einen anderen Experten suchen. Nun ist der Patient natürlich kein Kunde, der - wie im Beispiel des Handwerkers - einen anderen Experten suchen und zu Rate ziehen würde. Allerdings nicht deshalb, weil er es nicht will, sondern, weil er es nicht so einfach kann. Und wenn jetzt behauptet wird, dass die Vier-Wochen-Frist nicht sachgerecht wäre, dann keimt in mir erneut der Verdacht auf, dass der Patient in unserem Gesundheitswesen nicht etwa deshalb kein Kunde sein sollte, da es moralisch bedenklich weil zu ökonomisch gedacht ist, sondern weil ein devoter Patient deutlich bequemer ist für unsere Service-Wüste Gesundheitswesen als ein Kunde, der sich zu wehren gelernt hat.

Und so gibt es zwei Aspekte, die mich sehr froh sein lassen über die Aussicht der Vier-Wochen-Regelung. Zum einen ist es ein Anfang und gut für die Patienten. Und das ist eigentlich Grund genug zu Freude. Zum anderen wird es dazu kommen, dass die Medizin endlich lernen muss, solche Werkzeuge der Information und Kommunikation zu nutzen, die in anderen Branchen schon längst Gang und Gäbe sind. Wenn ich heute in Echtzeit meine Bedarfe und Bedürfnisse als Kunde befriedigen kann, dann spielt praktisch immer die Vernetzung von Information, Wissen und Service-Orientierung eine Rolle. Und beinahe immer bietet das Internet die entscheidende Basis, wenn es um Geschwindigkeit und die Artikulierung von Kundenbedürfnissen geht.

Und so sind wir bei meiner Lieblingsprognose zur Zukunft der Medizin: In wenigen Jahren werden unsere Patienten auf die Frage, wo Sie denn behandelt wurden, nicht mehr nur die Wahl zwischen der Antwort "in der Arztpraxis" oder "im Krankenhaus" haben. Die Antwortmöglichkeiten werden werden lauten: Ambulant oder stationär oder via Internet.

Ich bin mir sicher, dass das Internet zu einem neuen und weiteren Vertriebsweg der Gesundheitsversorgung wird. Aus "ambulant vor stationär" wird werden "Internet vor ambulant vor stationär". 

Die Probleme des Datenschutzes werden genauso gelöst werden, wie die Qualitätssicherung der internetangebote in Sachen Gesundheit und die Vergütung internetmedizinischer Leistungen. Das wird nicht einfach werden, doch es wird gelingen.

Nicht sicher bin ich mir allerdings bei der Frage, wer die Gesundheitsversorgung via Internet gestalten wird. Eigentlich müssten es die Ärzte sein. Nicht etwa, weil sie nun für die Einhaltung der Vier-Wochen-Frist zuständig sein werden. Sondern, weil es unserem Selbstverständnis als Ärzte entsprechen sollte, dem Patienten eine moderne, sichere und an seinen Bedürfnissen orientierte Medizin zu bieten. Wenn wir uns allerdings weiter als Berufsstand in der Diskussion um Patientenbedürfnisse diskreditieren und gleichzeitig unsere Abneigung gegenüber der modernen Welt der Kommunikation und Information artikulieren, dann werden sich die anderen Akteure im Gesundheitswesen freuen, in Sachen Internetmedizin zu Gestaltern zu werden.

Ich jedenfalls werde dafür kämpfen, dass die Medizin im Internet zum regulären Teil der ärztlichen Berufsausübung wird. Und da gerade die jüngeren Patienten das Internet am routiniertesten zu nutzen wissen schlage ich auch gleich vor, die Ärztliche Weiterbildungsordnung um die Internetmedizin zu ergänzen. Dann könnten meine Kollegen als Ärzte für Kinderheilkunde- und Jugendmedizin mit dem Schwerpunkt Internetmedizin auch ganz normal via World Wide Web praktizieren.

 

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