ConceptArea 51: Wie es dazu kam, dass der Mediziner nicht mehr Arzt sein musste

Am 1. Januar 2023 war es an der Zeit für einen Paradigmenwechsel. An diesem Tag trat eine neue Verordnung in Kraft, nach der 50% der bis zu diesem Zeitpunkt exklusiv von Ärzten erbrachten Leistungen auch für andere Berufsgruppen freigegeben wurden. So konnten  z.B. die Therapie von Diabetikern, Bluthochdruckpatienten und an Demenz Erkrankter auch von nichtärztlichem Fachpersonal durchgeführt werden. Gleiches galt für Endoskopien, die im Rahmen der Vorsorge empfohlen wurden. Weiterhin standen verschiedene chirurgische Eingriffe – von der einfachen Leistenbruch-OP bis hin zu verschiedenen proktologischen Eingriffen -  auf der Substitutionsliste. Auch die Röntgendiagnostik wurde weitgehend von der Approbation und der radiologischen Facharztqualifikation abgekoppelt. Radiologie-Assistenten, die im Umgang mit entsprechenden Expertensystemen geschult waren, durften nun auch eigenverantwortlich Röntgenbilder, Computertomographien und MRT-Aufnahmen befunden. Keine Einigung konnte dagegen für die Herzkatheter-Interventionen erzielt werden. Obschon verschiedene Studien belegten, dass für die Durchführung von Stent-Implantationen kein Qualitätsunterschied zwischen Facharzt und Kardiologie-Assistenten erkennbar war, fand sich im Gemeinsamen Bundesausschuss keine Mehrheit, auch hier vom Substitutionsverbot abzurücken.

Wie es dazu kam: Das Nachdenken über die Notwendigkeit der Reduzierung des ärztlichen Leistungskatalogs begann wohl spätestens im Jahr 2013. Der Marburger Bund hatte in einer Online-Befragung unter Krankenhausärzten eine solch überproportionale Arbeitsdichte festgestellt, dass nicht nur die Qualität der Medizin, sondern auch die Leistungsfähigkeit und die Gesundheit der Ärzte negativ beeinflusst wurden. Der damalige Vorsitzende des Marburger Bundes, Rudolf Henke, konstatierte ein „alarmierendes Ergebnis“ und warnte in seiner geschätzten und sicher unnachahmlichen Art und Weise davor, dass Deutschland im Begriff sei, sich „in ein Land der Fließbandmedizin zu verwandeln“. Und auch in der ambulanten Medizin sah es nicht besser aus. Die Ergebnisse der Untersuchungen zu den Wartezeiten für Patienten auf einen Termin beim Facharzt waren erschütternd. Die Arztpraxen schienen derart überlaufen zu sein, dass es auch für Schwerkranke z.T. Wochen dauerte, bis sie einen Facharzt zu sehen bekamen. Und kaum im Sprechzimmer angekommen, fand man sich als Patient auch schon wieder hinauskomplimentiert ohne auch nur einen Bruchteil seiner Fragen und Sorgen artikuliert zu haben.

Entscheidend war aber wohl der Umstand gewesen, dass immer weniger Ärzte bereit waren, am „Fließband der Medizin“ zu stehen. Diese Mediziner versagten sich dem Hamsterrad in Klinik und Praxis, indem Sie entweder Dienst nach Vorschrift machten, ins Ausland gingen oder sich vollständig von der kurativen Medizin verabschiedeten.  So kam es, dass die Wartezeiten immer länger und die Qualität der Leistungen ebenso, wie die Zufriedenheit der Patienten, immer bedenklicher wurden.

Mittlerweile waren die ersten Ärzte der Generation Y in den Entscheidungsgremien der Berufspolitik aktiv und wurden zu den Verfechtern eines ärztlichen Leistungskatalogs, der mehr den Kriterien der ärztlichen Work-Life-Balance, als der Selbstausbeutung und dem Machtstreben früherer Ärztegenerationen Rechnung tragen sollte.

Die Anstrengungen der Qualitätssicherung in der Medizin hatten darüber hinaus dafür gesorgt, dass klare Qualitätskriterien festgelegt worden waren und die Approbation als Surrogat-Parameter für die medizinische Qualität immer mehr an Bedeutung verlor. Medizinische Expertensysteme und der Vormarsch der Internetmedizin (IBM stand im Jahr 2023 längst nicht mehr für einen IT-Konzern, sondern für Internet-Based-Medicine) hatten außerdem gezeigt, dass gute Medizin nicht immer davon abhängen musste, dass sich Arzt und Patient gegenüber saßen.

Die Vertreter der Politik sahen in der Bereinigung des ärztlichen Leistungskatalogs zu Gunsten paramedizinischer Spezialisten letztendlich auch eine Möglichkeit, ihren Wählern eine Strategie gegen den Ärztemangel vorzulegen und die Krankenkassen hatten schon früh die Senkung der Preise für solche Leistungen, die nun nicht mehr von Ärzten erbracht werden sollten, in ihre Zukunftsszenarien eingespielt.

Die Ärzteschaft war sich grundsätzlich einig: Der Leistungskatalog musste einem kritischen Review unterzogen werden. Die Fragestellung lautete: Welche Leistungen sollten auch zukünftig obligatorisch durch Ärzte erbracht werden und wo konnten gut ausgebildete nichtärztliche Fachkräfte eigenverantwortlich diagnostizieren und therapieren dürfen? Die Ärzteschaft zeigte dich ungewohnt kompromissbereit, doch eine Forderung galt von Anfang an als nicht verhandelbar: Um sich auf eine radikale Reduzierung des ärztlichen Leistungskatalogs zu einigen, mussten die verbliebenen Leistungen in der Vergütung deutlich aufgewertet werden. Mit dem Slogan „50% weniger arbeiten und 25% mehr verdienen“ zogen die Befürworter unter den Ärzten in die Abstimmung ihrer Gremien. Sie mussten zwar konstatieren, dass das durchschnittliche ärztliche Jahreseinkommen natürlich nicht um 25% steigen, sondern vielmehr sinken würde, doch trotzdem gaben Sie ihren Kollegen das Gefühl, ein gutes Geschäft zu machen. Und so wurde ein weiteres Paradigma in der Medizin ausgewechselt: Der Mediziner musste ab dem Jahr 2023 nicht mehr zwingend Arzt sein.

Man wird nun abwarten müssen, ob sich das neue Modell wirklich rechnet und - vor allem - ob sich die Qualität der Medizin und die Zufriedenheit der Patienten in die richtige Richtung entwickeln werden. Die Patientenvertreter sind sich in dieser Frage bereits einig: Wenn es nicht funktioniert, werden die Patienten sich zu wehren wissen. Denn der Patient des Jahres 2023 hat gelernt sich als Kunde zu positionieren, um endlich als Patient ernst genommen zu werden.

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