Dr. Google - Director´s Cut

Stellen Sie sich vor, Sie würden beim Ihrem nächsten Besuch eines Baumarktes vor verschlossenen Türen stehen. Auf einem Schild wäre zu lesen: „Aufgrund staatlicher Vorgaben sind die Versorgungssektoren mit Baustoffen getrennt. Bitte suchen Sie die lokalen Einzelhändler auf.“  Sie kombinieren: Ein Ort, an dem ein einzelner Leistungserbringer eine solche Vielfalt von Produkten und Dienstleistungen der verschiedensten Handwerks-, Handels- und Produktsektoren anbietet und sogar vollkommen fachfremd Süßigkeiten und Zierfische zum Angebot gehören, ist verboten. Sie müssen also zum Schreiner, Klempner, Eisenwarengeschäft, zum Zoohändler, in die Gärtnerei und den Süßwarenladen fahren, wenn auf Ihrem Einkaufszettel die entsprechenden Produkte stehen. Und Sie erinnern sich an eine Meldung Ihrer Tageszeitung: Das Wirtschaftsleben in Deutschland ist ab sofort so organisiert wie das Deutsche Gesundheitswesen. Das Sozialgesetzbuch gilt auch als Ordnungsrahmen für die freie Wirtschaft. 

Weiterhin stellen Sie fest, dass ihr Smartphone Ihnen den gewohnten Dienst versagt. Der gleichzeitige und voll integrierte Gebrauch von Telefonfunktion, E-Mail, Internet, Navigation, einschließlich der Verwaltung von Stammdaten im Kontakte-Ordner usw. ist nicht mehr möglich. Ein freier Zugang zu den verschiedenen Informations- und Kommunikationssektoren und eine vollkommene Vernetzung der verschiedenen Leistungsangebote ist nicht mehr vorgesehen. Sie wissen sich natürlich zu helfen und besorgen sich für jede Funktionalität ein eigenes Handy. Eines zum Telefonieren, ein weiteres zum  Surfen im Internet, eines für die Navigationsfunktion und natürlich das E-Mail-Handy, usw.. Die Geräte sind selbstverständlich nicht miteinander vernetzt und wenn Ihnen jemand per E-Mail seine Telefonnummer mitteilt, müssen Sie diese zum Telefonieren per Hand in ein anderes Telefon eintippen.  

Es ist gut, dass wir als Kunden von Bauhaus oder Telekom vom Sozialgesetzbuch in unserem Alltag nicht so eingeschränkt werden. Wäre es anders, wir würden uns als mündige Konsumenten zu wehren wissen und sicher der Partei, die hier keine Abhilfe schafft, bei der nächsten Wahl unsere Stimme verweigern. Denkbar wären auch Demonstrationen, wenn Facebook , Google und eBay nicht mehr ihre vernetzten und verlinkten Services anbieten dürften und Fußballtickets nur noch in speziellen Geschäften oder – im Notfall - direkt im Stadion gekauft werden könnten.

Wir Kunden würden uns in jedem Fall heftig wehren. Und so muss man für das Gesundheitswesen konstatieren, dass es aus genau diesem Grund sehr gut ist, dass unsere Patienten keine Kunden sind. Denn das, was wir eben als unvorstellbare Zumutung identifiziert haben, passiert jeden Tag im deutschen Gesundheitswesen. Nicht auszudenken also, wenn unsere Patienten wie Kunden reagieren würden: Wenn sie die langen Wege zwischen den Sektoren und die häufig genug noch längeren Wartezeiten nach Ankunft in Praxis und Krankenhaus, aus der Sicht eines Kunden bewerteten. Wie würde der „Kunde –Patient“ wohl reagieren, wenn er in Kenntnis der Routine des  Informationszeitalters bei jedem Spezialisten aufs Neue seine Krankheitsgeschichte referieren müsste, nur damit diese wie Geheimwissen in den vier Wänden der Praxis verbleibt. Der erhöhte Zeitaufwand wäre möglicherweise schon Ärger genug, doch was würde passieren, wenn unser Patientenkunde Teil der tragischen Geschichte einer tödlichen Arzneimittelkombination würde, die verschrieben wurde, weil der eine Arzt nicht wusste, was der andere verordnet hatte. Der Kunde Patient hätte sicher auch für ein mindestens politisches Erdbeben gesorgt, vielleicht sogar eine Klagewellle losgetreten, als bekannt wurde, dass während der EHEC – Epidemie die Meldungen über neue Infektionen per Post versandt wurden und so wertvolle Zeit verloren ging.  Würde sich der Patient als Kunde begreifen, gäbe es wahrscheinlich täglich richtig Ärger im System. 

Ist vielleicht genau das die Hidden Agenda, wenn vehement dafür gekämpft wird, dass der Patient nicht zum Kunden wird? Schützt das Schreckensbild vom hilflosen Patienten, der  als Kunde in den Fängen der Gesundheitswirtschaft gelandet ist, nicht vielmehr ein Gesundheitswesen, das sich mit Händen Füßen dagegen wehrt, zu einem modernen Gesundheitssystem zu werden?

Sicher gibt es diejenigen, die ohne Hintergedanken und mit vollem ärztlichen Ethos den Patienten davor bewahren wollen, den Status eines Baumarktkunden zu bekommen. Oder gar verglichen zu werden mit jemandem, der sich bei Peek&Cloppenburg für das nächste Familienfest einen schicken Anzug kauft. Unwidersprochen ist: Ein Patient konsumiert nicht seinen Arztbesuch oder seine Behandlung im Krankenhaus. In der regelhaften Situation von Angst und Sorge sind lustvolle Konsumerlebnisse nicht nur ausgeschlossen - die gedankliche Verknüpfung alleine ist schon obszön.

Warum aber sorgt unser Gesundheitswesen nicht dafür, dass der Patient im Krankheitsfall einen vergleichbar einfachen Zugang zu den notwendigen Dingen hat, wie es in unserem Alltag für den Kauf von Produkten und die Inanspruchnahme von deutlich weniger ethischen Dienstleistungen der Regelfall ist. Wer Waren erfolgreich verkaufen will, der weiß, dass ein Kunde nur Minuten zu warten bereit ist, bevor er das Geschäft verlässt. Supermärkte zahlen sogar Entschädigungen, wenn der Kunde an der Kasse länger als zehn Minuten gewartet hat. Einkaufszentren werden so gebaut, dass praktisch der gesamte Bedarf des täglichen Lebens fußläufig innerhalb weniger Minuten gedeckt  werden kann und gleichzeitig Kino, Fitnesscenter und Discothek nicht fehlen. Wer nachts einkaufen will, der nutzt Amazon & Co und bekommt nicht nur unmittelbaren Zugang zu einer fast unbegrenzten Warenwelt der verschiedensten Anbieter, sondern auch noch die Anamnese aller früheren Einkäufe ungefragt präsentiert. Selbst unsere Finanzen vertrauen wir der vernetzten Welt an, wickeln unsere Bankgeschäfte online ab und denken kaum noch über die hoch gesicherten Virtual Privat Networks, PINs, TANs und elektronischen Signaturen nach. Unsere Autos sind nicht nur fahrende Sicherheitszellen, die den Fahrer auch bei einem Aufprall mit hoher Geschwindigkeit unversehrt aussteigen lassen. Unsere Autos verhindern über intelligente Pre-Crash-Systeme den Aufprall selbst. In der Medizin nennt man so etwas Primärprävention. Doch solch eine Primärprävention kommt im Alltag der Gesundheit mit einer Epidemie der Lifestyle-Erkrankungen kaum über das Rauchverbot in Kneipen hinaus. Die Werkzeuge unserer Kommunikation sind so kundenfreundlich gestaltet, dass heute Grundschüler die Funktionalitäten der Smartphones spielerisch begreifen lernen. Und die Kommunikation ist so grenzenlos, dass wir sogar mit unseren Handys selber sprechen können, wenn wir nach Informationen rund um den Globus suchen.

Alles ist für uns, die wir ganz normale Kunden sind, so konzipiert, dass unser Alltag möglichst reibungslos und sicher verläuft, ohne Wartezeit und mit Freude an den Dingen, die unser Leben einfacher machen.

Und dann betreten wir als Patient unser Gesundheitswesen und werden gezwungen, alles das, was unseren Alltag angenehmer macht, zu vergessen. Es ist gewissermaßen so, als ob wir plötzlich wieder zum Telefonieren eine Telefonzelle aufsuchen müssten. Zunächst fängt es ganz harmlos. Wir versuchen die Fragen unseres neuen Hausarztes zu beantworten, in welchem Jahr wir mit der Blinddarmentzündung im Krankenhaus lagen, wann der Bänderriss war und wir unser Zahnimplantat bekamen. Wir versuchen uns zu erinnern, wie diese Medikament hieß, nach dessen Einnahme wir so merkwürdigen Flecken am ganzen Körper bekamen. Sollten wir irgendwann von unserem Hausarzt ins Krankenhaus eingewiesen werden, werden wir diese Frage erneut gestellt bekommen und erneut werden wir grübeln, weil alles schon so lange her ist. Und die Röntgenbilder, die möglicherweise in unserem bisherigen Leben reichlich gemacht wurden, die sind in einer staubigen Tüte in irgendeinem Keller eines weit entfernten Krankenhaus oder auf einer DVD, die sich genau bei dem Hausarzt befindet, den wir aber schon vor einiger Zeit gewechselt haben. Und im Sozialgesetzbuch lesen wir, dass der Gesetzgeber für das Produkt „Gesundheitsversorgung“ nur eine „ausreichende Qualität“ vorsieht und diese Vorgabe auch noch der Wirtschaftlichkeit unterordnet. Würde ein Unternehmen solche Papiere verfassen, sie würden für immer im Safe landen oder – das Informationszeitalter lässt auch hier grüßen – bei Wikileaks auftauchen. Danach allerdings würde die Firma Millionenbeträge in die Krisen-PR investieren müssen, um mit hoher Wahrscheinlichkeit doch in die Insolvenz zu gehen.

 

Es stellt sich die Frage: Versagt man dem Patienten auch Kunde zu sein. Wird der Patient mit seine Sorgen und Ängsten schlechter behandelt, als der gut gelaunte Kunde einer x-beliebigen Einkaufsmeile oder der Familienvater, der zur Zielgruppe eines Profitorientierten Telekommunikationsanbieters oder Autobauers gehört? Zweifelsfrei werden unseren Patienten Werkzeuge, Techniken und Dienstleistungen vorenthalten, die seit Jahren in der Welt jenseits des Gesundheitswesens Menschen zufriedener und Menschenleben sicherer machen.

Aber als Patienten finden wir eben zu selten die Kraft, auch noch Fragen wie diese zu stellen: Warum darf der Patient nicht vom selben Arzt stationär und ambulant behandelt werden, warum sind viele Arztpraxen Freitags regelhaft geschlossen und gleichzeitig lässt das Krankenhaus nebenan seine Patienten stundenlang in der Notaufnahme warten, wenn gleichzeitig der Supermarkt für eine zu lange – im Vergleich zum Gesundheitswesen allerdings eher ultrakurze Wartezeit - Entschädigung bezahlt? Warum finden die Ergebnisse unserer Röntgen- und Laboruntersuchungen nicht alleine den Weg zu den verschiedene Ärzten, die wir konsultieren, wenn doch die vernetzte Bereitstellung von Informationen eine der Errungenschaften unseres Informationszeitalters ist? Warum dürfen wir eigentlich nicht selbst bestimmen, wer Herr unserer eigenen Untersuchungsergebnisse ist und müssen akzeptieren, dass lebenswichtige Informationen unvernetzt in den Karteikästen und auf den Festplatten in den Arztpraxen zurückbleiben, wo in der globalen Wirtschaftswelt auch hochsensible Daten nach intelligenten Berechtigungskonzepten vernetzt zur Verfügung stehen? Warum darf ein Gesundheitsminister die viel zu langsame Einführung der elektronischen Gesundheitskarte damit in Schutz nehmen, dass er sagt, dass man wohl „zu schnell zu viel“ wollte? Wir wissen doch - oder ahnen es zumindest - dass mit jedem Tag, den die Gesundheitskarte nicht in der geplanten Funktionalität eingeführt wird, Menschen sterben, weil lebenswichtige Informationen zwar vorhanden sind, aber leider eben nicht an dem Ort, an dem sie ein Leben retten könnten.

Es drängt sich eine Erkenntnis immer weiter auf: Mit Kunden geht man besser um, als mit Patienten. Und wenn dieser Umstand weder ethisch notwendig, noch sachlich unabdingbar ist, dann ist er unmoralisch. Doch die Geschichte lehrt uns: auch vermeintlich Schwächere wehren sich, wenn die Zeit gekommen ist. Und genau das passiert im Moment. Unsere Patienten beginnen sich zu wehren. Und die Geschichte zeigt auch: die alten Systeme merken den Aufstand immer zu spät. Und wenn sie ihn wahrnehmen, dann werden nicht etwa die gefragt, um die es geht. Nein, dann wird weiter verbittert um das Alte gekämpft – ohne Rücksicht auf Verluste, denn die hat man ja im alten System schon zu ignorieren gelernt.

Und so steht das gute alte Gesundheitswesen des Herrn Bismarck heute mittendrin in einem Paradigmenwechsel: Der Patient wird zum Kunden. Nicht etwa freiwillig. Wer will im Angesicht von Krankheit und Gebrechen schon Kunde sein? Der Patient wird dazu gezwungen! Und zwar vom Gesundheitswesen selbst. Wie anders sollte er auch reagieren, wenn zu den unbeantworteten Fragen auch noch die täglichen Horrornachrichten aus der Welt der Gesundheit dazu kommen, die da heißen: Patienten sterben zigtausendfach an vermeidbaren Infektionen und sind regelmäßig Opfer von ärztlichen Kunstfehlern. Krankenhäuser und Ärzte betrügen beständig die Solidargemeinschaft, Krankenkassen gehen pleite, es mangelt an Ärzten und Pflegekräften, Operationen werden vollkommen unnötig durchgeführt und unnötige Leistungen unter der Rubrik IGeL teuer verkauft. Implantate dürfen jenseits wirksamer qualitätssichernder Maßnahmen eingebaut werden und Ärzte verschreiben scheinbar, was die Pharmaindustrie ihnen auf die Verordnungsagenda setzt. Die stetig steigenden Kosten treiben das Gesundheitswesen in wenigen Jahren in den Ruin, die Zweiklassenmedizin wird zur Bedrohung, die Krankenhäuser haben kein Geld für moderne Geräte, usw..

Da verunsicherte Patient weiss, dass es für Ihn keine Alternative zum Gesundheitswesen gibt und sucht nach einer Strategie. Und die heißt, das Heft des Handelns selbst in die Hand zu nehmen. Er beginnt auf eigene Faust mit der Suche nach der richtigen Diagnose und der bestmöglichen Therapie,  dem richtigen Arzt oder dem geeigneten Krankenhaus. Zur Unterstützung bereit, stehen hier 24 Stunden am Tag und 365 Tage Dr. Google & Co. Ein Service, den die Patienten gerne nutzen. Dabei ist es nicht etwa nur die spontane Suche bei akut aufgetretenen Gesundheitsproblemen mitten in der Nacht, wenn der geschätzte Hausarzt seine Ruhe nun tatsächlich auch einmal verdient hat. Hier geht es darum, ohne lange Wartezeiten und ohne die Gefahr, nach wenigen Minuten aus dem Sprechzimmer hinaus komplimentiert zu werden, Ursachenforschung in eigener Gesundheits-Sache durchzuführen. Patienten mit chronischen Erkrankungen schauen - statistisch betrachtet -  mindestens einmal in der Woche im Internet nach, was es Neues zu ihrer Erkrankung gibt. Zur Suche nach dem richtigen Arzt oder Krankenhaus nutzen bereits mehr als ein Drittel der Deutschen das Netz. Der Kampf von Ärzten und Krankenhäusern, die Patienten über die neuen Medien zu erreichen, ist beindruckend. Tolle Webseiten und vollmundige Botschaften sind an der Tagesordnung. Doch das Vertrauen scheint dahin. In einer Untersuchung über die Nutzung von Websiten der Akteure des Gesundheitswesens im Vergleich zur Nutzung von Sozialen Netzwerken in Sachen Gesundheit wurde festgestellt, dass die Patienten facebook und Co deutlich mehr Aufmerksamkeit schenken. In Zahlen: 24mal so viel! Und auch die Frage des Vertrauens in die Internet-Informationen ist geklärt. Immer mehr Nutzer geben heute an, sich durch die eigene Online-Recherche besser informiert zu fühlen als früher. Warum auch nicht? In den USA wurde Google und Co. als eine der wichtigsten Recherchequellen der Ärzteschaft identifiziert. Immerhin nutzen 92% der Ärzte die Suchmaschinen und geben dabei offen zu, dass Dr. Google sie das ein um das andere Mal vor einer Fehldiagnose bewahrt hat.

Doch Patienten wissen heutzutage nicht nur, wie einzelne Krankenhäuser in Sachen Qualitäts- und Risikomanagement aufgestellt sind oder welche Ergebnisse Patienten- und Zuweiserbefragungen geliefert haben. Patienten sind sich heute auch im Klaren darüber, dass sie in Praxis und Krankenhaus zu Pauschalpreisen behandelt und in der Apotheke mit Rabattprodukten versorgt werden. Wen wundert es also, dass Patienten zu einer solchen Gesundheitsversorgung im „All-you-can-eat-Modus“ nicht wirklich uneingeschränktes Vertrauen entwickeln können. Und die Patienten, die von Evidenzbasierter Medizin gehört haben, fragen sich mit Recht, wann die Güte unseres Gesundheitswesens denn endlich mit genau diesen Maßstäben gemessen werden wird.

Der Patient als der geduldige Bittsteller, der dankbar ist, dass es ein Krankenhaus und einen Arzt in seiner Nähe gibt und deshalb Vieles in Kauf nimmt – von der sektoralen Trennung bis zur unbestimmten Qualität – diesen Patient wird es nicht mehr länger geben.  Noch allerdings befindet sich der Patient gewissermaßen in der Anfangsphase des Wehrens. Es ist die Phase des Fragens und der Sehnsucht nach plausiblen Antworten, die es ihm ermöglichen, Patient zu bleiben. Und eben nicht zur Kundenrolle gezwungen zu werden, die anzunehmen sicher nicht im Sinne eines Kranken und Leidenden sein kann.

Doch die Akteure des Gesundheitswesens scheinen nicht willens oder in der Lage zu sein, schnell und zuverlässig Antworten zu finden. Sie erkennen zwar, dass sich  etwas ändern muss angesichts des immer besser informierten Patienten, doch ihre Aktivitäten reduzieren sich auf die Optimierung des Alten und es wird so getan, als wäre die Zukunft die lineare Fortschreibung der Vergangenheit, in der man sich auf die Suche nach neuen Finanzierungsformen und Kostensenkungsszenarien durch staatlich verordnete Preisreduktionen beschränken konnte. Doch, wenn Uralt-Ideen wiederbelebt werden, hat das mit Intelligenz oder Visionskraft herzlich wenig  zu tun. Und schon gar nicht mit der Orientierung am Patientenwohl und dem Wunsch, die Sprache derer zu sprechen, für die das Gesundheitswesen originär verantwortlich ist.

Statt die Zeichen der Zeit zu erkennen, wird auf den Autosuggestionsmodus geschaltet und wir hören gebetsmühlenartig, dass unser Gesundheitssystem das beste der Welt sei. Es hört sich dabei exakt so an, als ob einer der großen Automobilhersteller seine Motoren als die besten Verbrennungsmotoren der Welt anpreist. Dumm nur, dass doch eigentlich allen eines klar ist: Die Zukunft gehört dem Elektromotor. Und damit ist auch der Weltbeste Verbrennungsmotor die falsche Antwort auf die Frage nach der Zukunftsfähigkeit. Noch dümmer, dass sich intelligente Strategen auch nicht mehr mit Elektromotoren abgeben. Die im Wettbewerb Erfolgreichen beantworten stattdessen ganz konkret die Frage, wie die Mobilität des Einzelnen in der Zukunft nachhaltig sichergestellt werden kann. Und so zeigt sich, dass selbst die profitorientierte Automobilindustrie Kunden- und vielleicht sogar Menschenfreundlicher agiert als unser Gesundheitswesen.

Es ist abzusehen, was passieren wird:

Soziale Netzwerke á la facebook, Suchmaschinen der Kategorie Google, Start-ups mit neuen Services für Patienten und Bewertungsplattformen für Ärzte und Krankenhäuser werden, ebenso, wie spezielle Patienten-Netzwerke nach dem US-amerikanischen Vorbild von patients-like-me, immer mehr zur Distributionsplattform für medizinische Informationen. Unsere Patienten werden nicht  mehr nur online sein, sondern onHealth und so werden immer mehr Patienten ihre Gesundheitsinformationen im Netz zu preisgegeben. Zunächst noch als unstrukturierten Daten, doch dann werden die ersten elektronischen Patientenakten auftauchen. Als kostenlose Angebot von Startups der Gesundheitswirtschaft oder als Services der Sozialen Netzwerke. Mit innovativen Ideen und unvorstellbaren finanziellen Ressourcen aber auch mit eigenen ethischen Standards werden Facebook &Co plötzlich Teil des milliardenschweren Gesundheitsmarktes.

Dass der Schritt vom Sozialen Netzwerk zum Anbieter von IT-Gesundheitsdienstleistungen á la eGK nicht groß ist, zeigt die Strategie von facebook, das mit mittlerweile 23 Millionen Nutzern in Deutschland vertreten ist. Im Jahr 2011 wurde dort die sogenannte timeline eingeführt. In der timeline kann der facebook – Nutzer bereits heute seine Lebensbiographie in allen Einzelheiten von der Wiege bis zur Bahre einschließlich Babyfoto und Nachruf  der Netzgemeinde zur Verfügung stellen. Kein großer Schritt also, hier auch die gesamte Krankengeschichte Stück für Stück zu dokumentieren und daraus dann eine Lebensgesundheitsakte zu formen, in der die lückenlose Anamnese einschließlich aller relevanten Untersuchungsbefunde gespeichert ist.

Für die Krankenhäuser werden Startups und  Soziale Netzwerke mit ihren neuen IT-Gesundheitsdienstleistungen eine doppelte Herausforderung darstellen. Zum einen werden die Patienten erwarten, dass Hausarzt und  Krankenhaus Zugriff auf die „Soziale Lebensgesundheitsakte“ haben und dass natürlich diese Akte auch mit den aktuellen Informationen des letzten Arztbesuchs oder Klinikaufenthaltes gefüllt wird. Dies wird zu erheblichen Kosten für die notwendige IT-Infrastruktur führen. Darüber hinaus werden sich die Anbieter den Zugriff fürstlich entlohnen lassen. Zunächst werden sich Ärzte und Krankenhäuser natürlich weigern, diese kostspielige Verbindung einzugehen. Wenn dann aber die ersten Patienten mit der Begründung ausbleiben, dass ohne die Vernetzung mit den persönlichen Gesundheitsinformationen die Behandlungsqualität nicht stimmen könne, werden die Gelder fließen. Und wenn dann auch die ersten Gerichtsurteile Behandlungsfehler einer fehlenden IT-Anbindung an die Lebensgesundheitsakten der Netzwerke anlasten und ein Organisationsverschulden attestieren, werden Krankenhäuser und Arztpraxen endgültig zu zahlenden Kunden der Internet-Giganten in Sachen Gesundheit werden.

In einigen Jahren werden Patienten, bevor sie ein Krankenhaus oder eine Arztpraxis betreten, die Informationen, die sich in ihrer Lebensgesundheitsakte befinden, automatisch und in Echtzeit mit einem der führenden Qualitäts-Portale abgleichen lassen.

Wer noch weiter „auf Nummer sicher“ gehen will, der wird bei der Suche nach guter Medizin neben der Empfehlung des Qualitätsportals, noch in seinem sozialen Netzwerk nachfragen, ob dort jemand mit dem Krankenhaus, der Abteilung und dem behandelnden Arzt bereits Erfahrung gemacht hat. Und wenn die persönliche Bewertung durch einen mehr oder wenig bekannten onHealth-Freund nicht wirklich gut ausfällt, dann geht der „mündige“ Patient eben zum nächsten Krankenhaus oder zum nächsten Arzt. Mindestens in Ballungsräumen wird auch dies kein Problem sein.

Das Risikomanagement der Krankenhäuser wird selbstverständlich genau beobachten, was auf facebook und Co. gepostet oder über Twitter in die Welt gesendet wird. Der Patient, der via Twitter seine Followern in Echtzeit über den Heilungsverlauf der im Krankenhaus erworbenen Infektion berichtet, wird  zum Alltag  der Gesundheit gehören und zum Lieblingsinformant der Yellow-Press werden. Eine Transparenz, die nicht ohne Folgen für das ein oder andere Krankenhaus bleiben wird.

Eine weitere Entwicklung führt in die Welt der medizinischen Expertensysteme. Bereits heute existieren Computersysteme mit einer Rechenleistung, die das menschliche Gehirn deutlich übertreffen. Mit dem IBM Computer Watson, der mit dem medizinischen Wissen von 200 Millionen Seiten Fachliteratur programmiert ist, gelingt es bereits heute, in Sekunden nicht nur die perfekte Differentialdiagnostik zu liefern, sondern gleichzeitig auch die Therapie individuell für jeden einzelnen Patienten maßzuschneidern.

Wir müssen uns damit abfinden, dass auch hochkarätigstes medizinisches Wissen nicht mehr an Ärzte gebunden sein wird. Während wir heute noch den Facharztstandard für ärztliche Leistungen einfordern, werden wir in der nahen Zukunft  von kumulativen Facharzt-Jahren sprechen, wenn wir die medizinische Kompetenz eines Krankenhauses beschreiben wollen. Auf ihren Webseiten werden sich die Krankenhäuser mit der Leistung ihrer Expertensysteme zu überbieten versuchen und so leicht auf ein kumuliertes ärztliches Wissen von vielen tausend Facharzt-Jahren kommen. Was für die Patienten durchaus beruhigend erscheinen mag, wird die Krankenhäuser große Summen für Lizenzen und Updates kosten.

So wird die Information das Skalpell als das klassische Werkzeug der Medizin ablösen.

Nachdem das Gesundheitswesen selbst die Patienten über Jahre gezwungen hat, zum Kunden zu werden, werden sich die Patienten nun auch kompromisslos wie zahlende Kundschaft verhalten.

Das alles wird passieren, weil Politik und Selbstverwaltung einem tragischen Missverständnis unterliegen wenn sie glauben, dass sich im Gesundheitswesen nichts ändert, wenn sie es nicht wollen und zulassen. Doch dieser Mechanismus des traditionellen Stillstands funktioniert nicht länger und das Zepter des Handelns wird denen, die bislang das Monopol für die Definition von Krankheit, für die Planung von Diagnostik und Therapie und die Gestaltung eines solidarischen Gesundheitswesens für sich in Anspruch genommen haben, mehr und mehr aus der Hand genommen werden.  An deren Stelle treten dann vielleicht die Unternehmen, die bereits heute über die globale Informationswelt herrschen und die uns jeden Tag aufs Neue mit Innovationen beeindrucken.

Vielleicht werden wir dann ein Gesundheitssystem bekommen, das funktioniert wie das Betriebssystem unseres Rechners, das unauffällig dafür sorgt, dass alle Programme, die uns durch unseren Alltag führen, vernetzt und reibungslos funktionieren. Diese Programme heißen dann nicht Office oder Explorer, sondern Krankenhaus, Arztpraxis und Apotheke. Oder eine Gesundheitsversorgung, die so orientiert ist an der Zufriedenheit des Nutzers, wie die Produkte von Apple. Vielleicht wird es dann aber doch ganz anders kommen. Eine gute Lösung wäre es, wenn der Patient Patient bleiben und gleichzeitig und wohl definiert die Rolle des Kunden einnehmen könnte. Entscheiden werden es unsere Patienten. Und wie es aussieht, weitgehend ohne uns.

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