AMBULANT oder STATIONÄR oder INTERNET

Die Entwicklung der medizinischen Versorgung via Internet wird die Gesundheitsversorgung nicht weniger verändern als es die Einführung des iPhones mit unserer Alltagskommunikation getan hat. Noch steht das Gesundheitswesen in Sachen Internetmedizin ganz am Anfang. In etwa dort, wo wir standen, als wir vor 20 Jahren unser erstes Mobiltelefon in der Hand hielten. Wir dachten, dass wir nun ein Gerät hätten, dessen wichtigste Anwendung das Telefonieren ohne feste Leitung zur nächsten Wandsteckdose wäre. Wir fanden es damals faszinierend, nicht mehr von der Länge eines Anschlusskabels oder der Telefonzelle unterwegs abhängig zu sein. Heute macht das mobile Telefonieren – gemessen am Datenvolumen – nur noch einen Bruchteil der Gesamtnutzung aus. Stattdessen erleben wir die gesamte Welt des Internets – gesteuert über das Betriebssystem unseres Smartphones und unterstützt durch unzählige Apps.

Die Geschwindigkeit der Implementierung der Internetmedizin hat in den letzten Jahren enorm an Fahrt aufgenommen. Umso interessanter ist es, zunächst einen Blick auf die Evolution dieser neuen Art der Medizin zu werfen. Am Anfang stand die Telemedizin. Hier wurde weitgehend die analoge Welt 1:1 digital abgebildet. Der Radiologe befundete nunmehr nicht nur die Röntgenbilder aus der eigenen Praxis, sondern auch solche, die via Datenleitung aus Krankenhäusern, die keinen eigenen Röntgenarzt mehr hatten, übermittelt wurden. Arztbriefe wurden nicht mehr via frankiertem Briefumschlag versandt, sondern per E-Mail auf den Weg gebracht. Die Produktidee war quasi analog und wurde digital aufbereitet.

In der nächsten Evolutionsstufe kam der Begriff e-Health dazu. Hier ging es schon um das Monitoring von Vitaldaten. Patienten mit Herzinsuffizienz übertrugen Puls, Blutdruck und Gewicht an eine zentrale Leitstelle, die dann den Patienten berieten und mehr oder weniger in Echtzeit auf pathologische Werte reagieren konnten. Die Krankenkassen machten daraus Modellvorhaben und integrierte Versorgungskonzepte. Ziel war es, die Kosten z.B. durch die Reduktion der Krankenhauseinweisungen zu senken. Visionäre Anbieter, wie z.B. Bosch Healthcare, erkannten die Zeit, holten sich Know How aus dem Silicon Valley und Top Manager aus den Chefetagen der großen Unternehmen. Dann entwickelten sie ihre Angebote weiter und integrierten Programme zu Gesundheitserziehung und Patientencoaching.

Trotzdem wird dies rückblickend alles einmal so wirken, wie die Zeit, als man Medikamente noch in der Apotheke als Pulver und Tinkturen herstellte und die individualisierte Medizin des 21. Jahrhunderts, die heute maßgeschneiderte Therapien auf der Basis des entschlüsselten Genoms liefert, weit jenseits des Vorstellbaren lag. 

Und so ist heute eine neue Begrifflichkeit in aller Munde, die Telemedizin und E-Health als Klammer umfasst und noch viel mehr Raum für die Visionen einer besseren Zukunft der Gesundheitsversorgung zulässt: Die Internetmedizin. Patienten wie Ärzte nutzen bereits heute das Internet ganz selbstverständlich als Informations- und Kommunikationsbasis rund um die Fragen der Gesundheit. 90% der amerikanischen Ärzte wählen die klassischen Suchmaschinen, wenn es um Fragen zur Behandlung Ihrer Patienten geht. Amerikanische Studien zeigen auch, dass 10% der Patienten, die sich via Internet mit ihrer Erkrankung beschäftigen, auf den Besuch beim Arzt verzichten. Es deutet sich an, dass in wenigen Jahren die Kombination aus Internet und medizinischer Dienstleistungen einen völlig neuen Markt, mit alternativen Vertriebswegen und neuen Regeln schaffen wird. Viele Start-Ups haben sich auf den Weg gemacht und bieten ihre Leistungen aus dem Netz heraus an. Von Informationsportalen, die bei der Suche nach dem richtigen Arzt und Krankenhaus helfen bis zu Angeboten, die Patienten unterstützen, die richtige Diagnose schnell zu finden, wenn der Facharzt den nächsten Termin erst Wochen später anbietet. Therapieempfehlungen via Internet sind sicherlich nicht unproblematisch, doch spätestens wenn die Entwicklung der medizinischen Expertensysteme weiter fortschreitet wird auch hier ein relevanter und qualitätsgesicherter Markt entstehen können. Bereits heute bietet der IBM Supercomputer Watson den Ärzten im Sinai Cancer Institute in Los Angeles seine Hilfe in Diagnostik und Therapie an. Watson erreicht dabei eine Rechenkapazität, die 200 Millionen Seiten Fachliteratur in drei Sekunden auf relevante medizinische Informationen durchsuchen lassen kann – selbstverständlich abgestimmt auf die individuelle Krankengeschichte eines einzelnen Patienten. Hier kann auch der erfahrenste Mediziner nicht in den Wettkampf um medizinisches Wissen einsteigen. Dies alles bedeutet eine große Chance für unsere Patienten. Es geht um Qualität und um den Zugang zu guter Medizin, auch in den Gebieten, in denen der nächste Facharzt 50 Kilometer entfernt praktiziert.

Und das Krankenhaus der Zukunft kann seinen Patienten Dank der Expertensysteme nicht nur versprechen, dass es den Facharztstandard sicherstellt. Es wird das digital verfügbare Know-How hochrechnen und zu recht behaupten können, dass auch im kleinsten Krankenhaus das Wissen von 1000 und mehr Fachärzten auf Abruf bereit steht. Wer noch weiter denkt, wird endlich auch dem Traum eines Gesundheitswesens nahe kommen, das endlich zu einem vernetzten System der Gesundheit wird. Was unsere Gesundheitspolitik nicht vermag, nämlich die Sektorengrenzen einzureißen, wird über die Vernetzung der Information der einzelnen Sektoren virtuell gelingen. Der Traum von der Lebensgesundheitsakte, in der alle Informationen zu Gesundheit und Krankheit von Geburt an abrufbar sind, wird mit der Internetmedizin wahr werden. In der Internetmedizin geht es nicht nur um Kranke. Es geht auch Präventionsmodelle, die die Menschen im Alltag erreichen müssen. In einem Alltag, in dem das Internet nicht mehr wegzudenken ist und sich so perfekt für eine zielgerichtete Prävention nutzen lassen dürfte. Zehntausende von Apps, die Tipps rund um Fitness, gute Ernährung und gesundes Leben bereit halten, sind erst der Anfang.

Es wird allerdings auch Opfer dieser Entwicklung geben. Allen voran die elektronische Gesundheitskarte. Nicht etwa, weil die Idee schlecht gewesen wäre. Sondern alleine deshalb, weil das Internet zwar vieles verzeiht, sicher aber nicht eine zu geringe Geschwindigkeit und eine fehlende Orientierung am Nutzen für den Anwender. Die Telematik-Infrastruktur, die die Gematik seit 2006 versucht, in die Realität zu bringen, wird von anderen bereitgestellt werden. Und deren Namen kennen wir auch schon: Google und Facebook haben sich bereits auf den Weg gemacht und planen, wie die Sozialen Netzwerke in den Gesundheitsmarkt eintreten können. Und obwohl viele die Stirn vor Sorge runzeln, gibt es bereits die ersten wissenschaftlichen Studien, die die Informationen, die die Sozialen Netzwerke öffentlich präsentieren, für die Versorgungsforschung nutzen. Unter eine Milliarde Nutzern lassen sich nicht nur hervorragend Medikamentenwechselwirkungen identifizieren, die in herkömmliche Studien – mit einer begrenzten Anzahl Probanden und ohne Zugriff auf die  Alltagsinformationen der Menschen - niemals herausgekommen würden.

Das konservative Regelwerk des deutschen Gesundheitswesens reicht allerdings noch nicht aus, um die Chancen dieser neuen Welt zu nutzen aber auch und die wirklichen Gefahren abzuwenden. Deshalb dominiert häufig noch die Taktik des undifferenzierten Beißreflexes gegen diese neue Welt der Medizin. In wenigen Jahren allerdings wird der Begriff der Internetmedizin als "Ortsbezeichnung" der Leistungserbringung so in die Alltagssprache eingehen und selbstverständlich werden wie der Begriff Krankenhaus, Arztpraxis oder Apotheke.

Die Patienten haben sich heute schon entschieden. Sie wollen diese neuen Werkzeuge der Medizin nutzen. Und damit ist eins klar: Die Informationstechnologie in der Hand der Patienten hat das Skalpell in der Hand des Chirurgen als das traditionell wichtigste Werkzeug in der Medizin abgelöst.

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